Demiral-Debatte
Historiker: „Debatte um Wolfsjubel wird politisch polarisiert“

Historiker Çayır: "Die aktuelle Debatte um den Wolfsjubel des türkischen Nationalfussballers Merih Demiral wird derzeit politisch polarisiert."

Teilen

Ein Gastbeitrag von Çağıl Çayır

Die aktuelle Debatte um den Wolfsjubel des türkischen Nationalfussballers Merih Demiral wird derzeit politisch polarisiert. Dabei bietet das Wolfsbild eine hervorragende Chance um die spaltenden Irrtümer der Vergangenheit aufzuklären und neue Wege zur Völkerverständigung zu eröffnen.

Bild: Antike oder mittelalterliche Bronzefigur der kapitolenischen Wölfin aus Italien. Quelle: Wikipedia

Denn die Sage der errettenden Wölfin findet sich nicht nur bei den Türken, sondern auch bei den Römern. Diese haben die Legende wahrscheinlich von den Etruskern, die die alten Griechen Turrhenoi nannten. An diesen Namen erinnert heute noch das Tyrrhenische Meer an der Westküste Italiens.

Bild: Landkarte von Italien. Bild: Eric Gaba (CC BY-SA 3.0)

Auf die für die Europäer überraschende Parallele zwischen den Ursprungslegenden der Türken und Römer machte bereits der englische Historiker Edward Gibbon im 18. Jahrhundert  aufmerksam. In seinem mehrbändigen Werk über den Aufstieg und Untergang des Römischen Reichs berichtet Gibbon von der ersten Begegnung der Byzantiner mit den Göktürken, die im 6. Jahrhundert nach Konstantinopel kamen:

„Inmitten dieser obskuren Ereignisse erfuhr Europa die Erschütterung einer Revolution, die der Welt zum ersten Mal den Namen und die Nation der Türken enthüllte. Wie Romulus wurde der Gründer dieses kriegerischen Volkes von einer Wölfin gesäugt, die ihn später zum Vater einer zahlreichen Nachkommenschaft machte; und die Darstellung dieses Tieres in den Bannern der Türken bewahrte die Erinnerung […].“

Quelle: Edward Gibbon, History of the Decline and Fall of the Roman Empire, 1782 (1845), Band IV, Kapitel XLII.

Rekonstruktion eines türkischen Wolfbanners aus dem 7.-8. Jahrhundert vor der alttürkischen Tonyukuk-Inschrift in der Mongolei. Foto: Prof. Dr. Tuğrul Çavdar  

Neben Wölfen wurden aber auch viele andere Tieren wie Bären, Elche, Adler, Steinböcke, Leoparden etc. bei den Türken, Römern und vielen anderen Völkern verehrt. Es ist spannend auf die Spuren der Tiere bei den verschiedenen Völkern zu gehen und so ihre uralten Gemeinsamkeiten und Unterschiede besser kennenzulernen. Dadurch würde auch eine intellektuelle Begegnung der Kulturen in Gang kommen, von denen alle etwas haben. Denn wie der große Dichter und Denker Johann Wolfgang von Goethe schon sagte:

„Wer fremde Sprachen nicht kennt, weiß nichts von seiner eigenen.“

Maximen und Reflexionen 91

Daher ist es angebracht die spaltenden Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen, sondern die Debatte kreativ zu nutzen, um auf die vielen wichtigen historischen Gemeinsamkeiten der verschiedenen Kulturen hinzuweisen und so das Bewusstsein der internationalen Gemeinschaft zu fördern. Das ist nicht nur historisch, sondern auch existentiell notwendig, wie der Philosoph Heinrich Beck sagt:

„Es scheint, dass eine respektvolle Zusammenkunft und gegenseitige Verständigung der verschiedenen Nationen und Kulturen in einem ‚kreativen Frieden‘ für die Menschheit letztlich überlebensnotwendig ist.“

Prof. Prof. h. c. Dr. Dr. h. c. Heinrich Beck (1929-2024)

Auch interessant

„Irgendwas mit Vergewal­tigung“: Wie Rechtspopu­listen mit sexuali­sierter Angst mobil machen

Ein Gastkommentar von Aras Karasun Bei der AfD gehört ja das Thema „fremdländisch-sexualisierte Gewalt und sexueller Neid“ im Zusammenhang mit Migration schon länger zu den...

Yücel: An der Türkei kommt man nicht mehr vorbei

Ein Gastkommentar von Nabi Yücel Es muss für die türkische Opposition unter dem Doppelgespann Ekrem İmamoğlu und Özgür Özel mittlerweile frustrierend sein. Jahrelang erklärt man...

Trump und Erdoğan: Warum die Türkei zur Trumpfkarte wird

Ein Gastkommentar von Nabi Yücel Seit Tagen ist in westlichen Medien ein bemerkenswertes Schauspiel zu beobachten. Kaum rückte der NATO-Gipfel näher, häuften sich Analysen über...

31 Jahre Srebrenica: Warum das Gedenken heute wichtiger ist denn je

Morgen am 11. Juli 2026 jährt sich das Massaker von Srebrenica zum 31. Mal. Im Sommer 1995 verübten bosnisch-serbische Truppen unter den Augen der...

Pferde-Eskorte für Trump, Ministerin für Sánchez: Die nüchterne Logik des Protokolls

Von Polat Karaburan Unser Bericht über die lautstarke Kritik in den sozialen Netzwerken hat eines deutlich gezeigt: Die Sympathien für den spanischen Premier Pedro Sánchez...

Headlines

Trump an Netanjahu: „Niemand will euch dort“

Washington - Die diplomatischen Spannungen zwischen den USA und Israel haben eine neue Eskalationsstufe erreicht.   Wie das US-Nachrichtenportal Axiosunter Berufung...

„Parents‘ Night Out“: Mamdani führt kostenlose Abend-Kinderbetreuung ein

New York - Der neue New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani hat mit der Einführung des stadtweit ersten „Parents' Night...

Wirtschaftsboom: Spaniens Arbeitslosigkeit fällt auf Tiefststand seit 2008

Madrid - Während die spanische Minderheitsregierung unter Ministerpräsident Pedro Sánchez politisch und international immer wieder polarisiert, verzeichnen die offiziellen...

Kontrollierter Putschversuch in der Türkei: Ein Mythos und seine realen Hintergründe

Ein Gastkommentar von Nabi Yücel Nach nunmehr 10 Jahren hoffe ich, dass die Türken reifer geworden sind; wobei der Staat...

Meinung

Das Foto, das Clinton zum Handeln zwang: Die vergessene Tragödie der Ferida Osmanović

Während die Weltöffentlichkeit am jüngsten Jahrestag des Genozids von Srebrenica vor allem der über 8.000 systematisch ermordeten muslimischen Männer und Jungen gedenkt, bleibt das...

Trump an Netanjahu: „Niemand will euch dort“

Washington - Die diplomatischen Spannungen zwischen den USA und Israel haben eine neue Eskalationsstufe erreicht.   Wie das US-Nachrichtenportal Axiosunter Berufung auf amerikanische und israelische Regierungsvertreter...

Rapor: Afrika Gençliği Ruh Sağlığında Dünya Lideri

Londra - Maddi refah, ruh sağlığının garantisi değil. Şubat 2026 sonunda yayımlanan yeni bir küresel rapor, zihinsel esenlik haritasını temelden sarstı. İngiltere, Japonya ve Yeni...

The Economist: Erdoğan, Müslüman dünyasının en popüler politikacısı

Londra - Neredeyse iki milyar insandan oluşan devasa ve çeşitlilik arz eden bir topluluk olan küresel Müslüman topluluğu Umma/Ümmet içinde, birleştirici bir temsilci arayışı...

Wall Street Journal: Türkiye’nin durdurulması gerekiyor

Konuk Yazar: Özgür Çelik Bradley Martin tarafından kaleme alınan ve 4 Mart 2026 tarihinde Wall Street Journal'da yayımlanan "Türkiye'yi Dizginlemek İçin Acil Bir İhtiyaç" (An...