Geschichte
Atatürk warnte Europa: „Palästina kann nicht angerührt werden“

Was Mustafa Kemal Atatürk der türkischen Identität quasi in die Wiege gelegt hat, die gegenwärtig Erdoğan weiterführt, ist so eindeutig wie unerschütterlich.

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ein Gastbeitrag von Nabi Yücel

Es ist bemerkenswert, mit welchen Taschenspielertricks israelische Aktivisten wie Arye Sharuz Shalicar die türkische Mentalität um den Finger einwickeln wollen, um in Zusammenhang mit dem Konflikt im Gazastreifen die Solidarität der Türken zu ergattern.

Das mag ja auf dem ersten Blick eine Geste der Versöhnung sein, die in der Konsequenz zum Thema mit einer Gegenleistung verbunden ist. Aber das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Türken stets auf der Seite der Schwächeren standen und Position gegenüber der Übermacht einnahmen.

Die folgenden Dokumente und Zeitungsausschnitte könnten einige Leute in Verlegenheit bringen. Also erkläre ich es mal ganz langsam und behutsam, insbesondere Arye Sharuz Shalicar, aber vor allem jenen, die unter dem Deckmantel der „Säkularität“ und „Kemalismus“ umherirren und Bullshit erzählen.

Was Mustafa Kemal Atatürk der türkischen Identität quasi in die Wiege gelegt hat, die seinerseits Ministerpräsident Bülent Ecevit (Demokratischer Sozialismus) und gegenwärtig Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan (AKP) weiterführen, ist so eindeutig wie unerschütterlich.

Zunächst einmal zur Staatsdoktrin der Türkei in Zusammenhang mit Palästina und den Palästinensern in den Worten des türkischen Oppositionsführers und Ministerpräsidenten Bülent Ecevit, aus „İsrail Korkusu, Bülent Ecevit Yazıları 1950-1961“:

„Der israelisch-arabische Konflikt kann nicht durch politische Zwangsmaßnahmen, militärische Aktionen oder Interventionen der Vereinten Nationen oder der USA und Europa gelöst werden. Der israelisch-arabische Antagonismus kann nur gelöst werden, indem die Elemente beseitigt werden, die die gesamte arabische Welt heute angesichts Israels, diesem Außenposten der Zivilisation des 20. Jahrhunderts in den Wüsten des Nahen Ostens, in Angst und Schrecken versetzt.“

Vielleicht versteht man jetzt, weshalb auch Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan (AKP) gegenwärtig die Staatsdoktrin der Türkei fortsetzt. Das hat einen einfachen Hintergrund. Mustafa Kemal Atatürk hatte mit Beginn des türkischen Befreiungskrieges ganze Regionen mit in den Bann gezogen. Befreiung hieß auch das Zauberwort, die in all den Ländern der Welt, die unter der Knute des Kolonialismus litten, emsig aufgesaugt wurde.

Das hat aber eine Vorgeschichte. In seinem Brief an Talat Pascha vom 29. Februar 1920 sagte Atatürk z. B.: „Die politische Formel, die wir von Anfang an den Arabern nahegelegt haben, lautet: Sich als ‚Konföderation‘ zu vereinen, nachdem jede Nation ihre innere Unabhängigkeit wiedererlangt hat.“ Dieses Prinzip wurde von den Arabern mit Freude akzeptiert.“

Wie man sehen kann, legte Atatürk großen Wert auf die Solidarität mit unterdrückten Nationen wie Syrien oder dem Irak. Denn eine Partnerschaft im Kampf gegen den Imperialismus würde in der Konsequenz die Unabhängigkeit und das freie Leben in der Türkei sichern. Nach dem Unabhängigkeitskrieg schloss Atatürk auch deshalb mit dem Irak, Iran und Afghanistan am 8. Juni 1937 den Sadabat-Pakt. Das heißt, Atatürk legte Wert auf Solidarität mit unterdrückten Nationen.

Das besagte Dokument, ist in den türkischen Archiven vorhanden und ist eine amtliche Abschrift der Tageszeitung Bombay Chronicle vom 27. Juli 1937. Hier der Wortlaut:

„Niemand kennt die Verwirrung und Unzufriedenheit, die unter den Arabern herrscht, so gut wie wir. In unserem Fall haben wir uns einige Jahre von den Arabern ferngehalten. Aber jetzt, da wir genug Selbstvertrauen haben und unsere Macht kennen, werden wir verhindern, dass die heiligen Stätten des Islam unter den Einfluss von Juden und Christen geraten. Deshalb möchten wir sagen, dass wir nicht zulassen werden, dass diese Orte zum Spielplatz des europäischen Imperialismus werden.

Uns wurde vorgeworfen, unreligiös und ignorant gegenüber dem Islam zu sein. Aber trotz dieser Anschuldigungen sind wir bereit, heute unser Blut zu vergießen, um den letzten Wunsch des Propheten zu erfüllen, dass das Heilige Land immer unter islamischer Herrschaft bleibt.

Heute sind wir mit der Gnade Gottes stark genug, um zu erklären, dass wir nicht zulassen werden, dass fremde Herrschaft und Einfluss in den Ländern herrschen, in denen unsere Vorfahren unter der Herrschaft Saladins gegen Christen kämpften. Wir haben keinen Zweifel daran, dass die gesamte islamische Welt aufstehen und Maßnahmen ergreifen wird, wenn Europa den ersten Schritt zur Eroberung dieser heiligen Stätten unternimmt.“

Zunächst einmal ist nicht gesichert, ob Atatürk das gesagt hat, weil zu dieser Zeit, z.B. laut Kritikern, das türkische Nationalparlament in der Sommerpause war oder eine staatliche türkische Zeitung wie die „Ulus“ diese mutmaßliche imposante Rede nicht wiedergegeben hatte. Zudem wurde der türkischen Botschaft in London dieselbe Frage von der Tageszeitung The Guardian gestellt, die aber mit einem Dementi beantwortet wurde.

(April, 2002)

Darum geht es in der Sache aber auch nicht, ob Atatürk es gesagt hatte oder nicht. Es geht um die englischsprachige Zeitung Bombay Chronicle aus Mumbai, die offensichtlich Atatürks Reden und sein Auftreten als solches so wahrnahm, daher entsprechend bewertete und wiedergab. Das ist nämlich der entscheidende Punkt, der relevant erscheint, nicht ob Atatürk das gesagt hat oder nicht gesagt hat.

Das heißt, seit der Gründung der Republik Türkei, schwingt stets der Geist der Freiheit mit, die von Atatürk seinerseits ausgesendet wurde; ob nun bei der eigenen Landesbevölkerung oder bei den Indern, Pakistanern oder Arabern im Nahen Osten, ist ohne belang. Der Punkt ist, Atatürk hatte den Keim der Freiheit vom Imperialismus gelegt, die Bombay Chronicle oder Ecevit pflegten diesen Keim weiter.

 

Deshalb setzt ja Arye Sharuz Shalicar alles daran, für Israel auch die Solidarität der Türken zu ergattern, für etwas was mit Gewalt verbunden ist. Ob ihm das gelingt, sei mal dahingestellt, dass Israel sich von der Gewalt emanzipieren und der örtlichen Gegebenheiten anpassen muss, ist unumstritten. Das heißt, eine Zwei-Staaten-Lösung ist die einzige Möglichkeit, um in der Region für Frieden und Sicherheit zu sorgen. Alles andere wird in Unterdrückung und Leid enden und der Kreis der Gewalt schließt sich wieder.


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


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