Geschichte
Bakuer Massaker: Das ewige Trauma der aserbaidschanisch-türkischen Identität

Das Massaker an aserbaidschanischen Türken und Muslimen in Baku am 31. März 1918 ist ein tragisches Ereignis, das sich bis heute in das Gedächtnis der Aserbaidschaner eingebrannt hat.

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von Turan Gafarli

Das Massaker an aserbaidschanischen Türken und Muslimen in Baku am 31. März 1918 ist ein tragisches Ereignis, das sich bis heute in das Gedächtnis der Aserbaidschaner eingebrannt hat.

Im Gefolge der Russischen Revolution kochten die ethnischen Spannungen in der Region über und führten zu einem brutalen Angriff auf aserbaidschanische Türken und Muslime. Dieses Ereignis, das als Massaker von Baku bekannt ist, bleibt ein prägender Moment für die aserbaidschanische Identität. Es lehrt uns, dass das friedliche Miteinander verschiedenster Ethnien und Völker auf der Grundlage von Toleranz und Einigkeit als höchstes Gut erhalten werden muss.

Das Massaker von Baku war kein isoliertes Ereignis, sondern fiel in eine Zeit, in der die Region in Aufruhr und Umbruch war. Das Russische Reich, das Aserbaidschan jahrhundertelang beherrscht hatte, kämpfte mit den Folgen einer roten Revolution, die die Bolschewiki erst vor Kurzem zur Macht verhalf .

Zu dieser Zeit wuchs der Nationalismus unter den verschiedenen ethnischen Gruppen des Reiches. Die aserbaidschanischen Türken bildeten dabei keine Ausnahme und begannen, ihre Identität zu behaupten und Autonomie innerhalb des Reiches zu fordern. Dieser politische Umbruch wurde von ethnischen Spannungen begleitet, da Armenier und Aserbaidschaner um die Kontrolle über den Südkaukasus rangen.

Die Bolschewiki betrachteten die Aserbaidschaner als Bedrohung ihrer Herrschaft

Die Situation spitzte sich Anfang 1918 zu, als die bolschewistischen Streitkräfte die Kontrolle über Baku, eine boomende, ölreiche Küstenstadt, übernahmen. Dies löste eine Welle der Gewalt gegen aserbaidschanische Türken und Muslime in Baku und den umliegenden Provinzen aus, die beschuldigt wurden, eine Bedrohung für die bolschewistische Sache darzustellen.

Die brutalen Ereignisse begannen mit bolschewistischen und armenischen Provokationen gegen die ehemalige „Wilde Division“ des zaristischen Russlands, die sich aus Muslimen zusammensetzte, die aus dem Iran nach Aserbaidschan zurückgekehrt waren. Bei den Angriffen auf die Zivilbevölkerung beteiligten sich armenische Paramilitärs und andere Gruppen an den gewaltexzessen gegen die Zivilbevölkerung, die schnell außer Kontrolle geraten sollte.

Systematische Massaker an aserbaidschanischen Zivilisten

In den folgenden Tagen wurden aserbaidschanische Türken und Muslime in einer Reihe von brutalen Attacken angegriffen. Häuser und Geschäfte wurden geplündert, und niedergebrannt.Vergewaltugungen, Folter sowie Massenmorde prägten auf den Straßen das Bild. Die Schätzungen über die Zahl der Getöteten gehen weit auseinander.

Man geht jedoch davon aus, dass mehrere Tausend aserbaidschanische Türken bei dem Massaker ums Leben kamen. Die Gräuel waren nicht nur auf Baku beschränkt, sondern fanden auch in anderen Teilen der Region statt. Der Angriff erfolgte wahllos, und Tausende von unschuldigen Zivilisten wurden auf den Straßen massakriert.

31. März 1918 als erschütternder Wendepunkt in der aserbaidschanischen Identitätsbildung

Die Ereignisse vom 31. März 1918 waren ein tragischer Wendepunkt für die aserbaidschanischen Türken und für ihre Identitätswerdung als Nation. Das Massaker kostete nicht nur vielen Menschen das Leben, sondern hatte auch tiefgreifende Auswirkungen auf das kulturelle und soziale Gefüge der Gesellschaft. Viele Familien wurden vertrieben oder zur Flucht gezwungen, und das Trauma der Gewalt war noch für Generationen zu spüren.

Es war eine deutliche Erinnerung daran, dass die aserbaidschanischen Türken eine Minderheit innerhalb des sich auflösenden Reiches waren und dass ihre Identität und Kultur durch ihre jahrhundertealten Nachbarn bedroht waren. Das Ereignis diente auch als Initalzündung für das erwachende Bewusstsein für eine aserbaidschanische Nation und spornte die Gemeinschaft an, für ihre Rechte zu kämpfen Viele aserbaidschanische Türken schlugen sichvor allem auf die Seite der osmanischen Armee, die, im Kaukasus angekommen, den existenziellen Kampf der Aserbaidschaner unterstützte.

Gründung der Demokratischen Republik Aserbaidschan

Nach dem Massaker gründeten die aserbaidschanischen Türken die Demokratische Republik Aserbaidschan, die erste säkulare Demokratie in der muslimischen Welt. Die Republik, zwar nur von kurzer Dauer, diente als wichtiges Symbol für die aserbaidschanische Identität und Souveränität. Sie schuf auch ein modernes Verständnis der Grenzen Aserbaidschans, das für die Umwandlung der Massen in eine Nation entscheidend war. In diesem entscheidenden Moment der Nationswerdung wurde Baku auch zur Hauptstadt sowie zu einer Quelle des Nationalstolzes und im September desselben Jahres von den osmanisch-aserbaidschanischen Truppen zurückerobert.

Das Massaker hatte auch einen nachhaltigen Einfluss auf die Art und Weise, wie aserbaidschanische Türken sich selbst und ihren Platz in der Welt sehen. Es verstärkte die Vorstellung, dass sie eine eigenständige ethnische Gruppe mit einer einzigartigen Kultur und Geschichte sind, und verdeutlichte auch die Notwendigkeit von Selbstbestimmung und Autonomie im größeren politischen Kontext.

Nach dem Massaker waren die Aserbaidschaner gezwungen, sich mit der Realität ihrer Lage auseinanderzusetzen. Sie waren eine Minderheit in einer Region, die zunehmend von Armeniern dominiert wurde, und es fehlte ihnen an politischer und wirtschaftlicher Macht, sich diesem Trend zu widersetzen. Das Massaker war ein Weckruf, und die Aserbaidschaner begannen, sich politisch zu organisieren, um ihre Rechte durchzusetzen und ihre Identität zu verteidigen.

Heute ist Aserbaidschan ein unabhängiges Land und die aserbaidschanischen Türken haben ein starkes Nationalbewusstsein entwickelt. Die Ereignisse des 31. März 1918 werden noch immer jedes Jahr als Erinnerung an die Opfer, die für die aserbaidschanische Identität und Unabhängigkeit gebracht wurden, begangen.

In den letzten Jahren hat das Interesse an den Ereignissen von 1918 sowohl in Aserbaidschan als auch in der internationalen Staatengemeinschaft wieder zugenommen. Im Jahr 2018 wurde der hundertste Jahrestag des Massakers mit Veranstaltungen und Gedenkfeiern im ganzen Land begangen.

Die Ereignisse von 1918 sind eine schmerzliche Erinnerung an die Herausforderungen, denen sich Minderheitengruppen stellen müssen, um ihre Identität zu behaupten und ihre Rechte zu sichern. Sie dienen auch als Warnung vor den Gefahren des Nationalismus und der Notwendigkeit von Toleranz und Verständnis zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Massaker an den aserbaidschanischen Türken und Muslimen in Baku am 31. März 1918 ein tragisches Ereignis war, das sich tiefgreifend auf die Identität der aserbaidschanischen Türken ausgewirkt hat. Es verstärkte das Bedürfnis nach Selbstbestimmung und Autonomie im größeren politischen Kontext und spornte die Gemeinschaft an, für ihre Rechte zu kämpfen.

Heute wird der Ereignisse von 1918 gedacht, um an die Opfer zu erinnern, die für die aserbaidschanische Identität und Unabhängigkeit gebracht wurden. Es ist wichtig, an diese Ereignisse zu erinnern und auf eine Zukunft der Toleranz und des Verständnisses zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen hinzuarbeiten.

Erschienen auf FEM


Turan Gafarlı ist Experte für den postsowjetischen Raum und Herausgeber des Buches „Karabakh Gambit: The Responsibility for the Future „. Er ist ehemaliger Berater des Generalsekretärs der Organisation der Turkstaaten und hat einen Bachelor of Arts in Geschichte und Politik an der Queen Mary University von London und einen Master of Arts in Transnationalen Studien an der University College London erworben, wo er mit der Arbeit „Nation-State in the Age of Globalization: Turkey’s Contemporary Path 1996-2016’“ abschloss. Er hat auch als Forscher im britischen Oberhaus gearbeitet und ein Praktikum beim Europarat und den Vereinten Nationen in Genf absolviert. Gafarlı ist Mitglied des Chatham House – Royal Institute of International Affairs.


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