Jerusalem-Krise
Kommentar: Netanjahu kann jetzt von Ermittlungen gegen ihn ablenken

Die aktuellste Eskalation auf dem für Muslime und Juden heiligen Tempelberg in Jerusalem führt wieder auf religiöse Provokationen, Unterdrückung, Enteignung und Vertreibung palästinensischer Familien zurück. Dies zu kritisieren, wird von vielen rechtsradikalen Zionisten und dessen Sympathisanten innerhalb und vor allem außerhalb Israels als Antisemitismus bezeichnet, um jegliche Kritik am Vorgehen der israelischen Regierung abzuwürgen.

Teilen

Ein Gastbeitrag von Yilmaz Bingöl

Oft heißt es, Israel sei die einzige Demokratie im Nahen Osten und umgeben von Feinden. Doch stimmt das wirklich? Ja und nein. Dass Israel die einzige Demokratie im Nahen Osten sei, ist richtig. Dennoch ist eine sehr schlechtgeführte Demokratie kein Garant für Menschenrechte und Gerechtigkeit, solange man sich nur mit den Stimmen rechtsradikaler Siedler und ihrer Sympathisanten an der Macht halten kann.

Israel: Der ungewollte Frieden

Auch deshalb wird der Konflikt zwischen Israelis und Palästinenser immer wieder eskaliert. Eine Befriedung hätte letztendlich zur Folge, dass die israelische Regierung mit politischen Inhalten für ihre Bürger glänzen müsste. So kann der rechtspopulistische israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu von strafrechtlichen Ermittlungen gegen ihn und seinen politischen Misserfolgen ablenken. Denn viele Israelis sind unzufrieden, auch wegen des lang andauernden Konfliktes mit den Palästinensern.

Und was nicht stimmt, dass Israel von Feinden umgeben sei. Denn sämtliche Nachbarstaaten haben seit vielen Jahren entweder direkt Beziehungen zu Israel oder sind über Jahrzehnte mit den USA verbündet und somit keine Gefahr für den israelischen Staat. Die Palästinenser teilen sich damit seit Jahrzehnten ein ähnliches Schicksal mit den Uiguren in China, alleingelassen auch von der islamischen Welt. Die iranische Regierung als einzige auf palästinensischer Seite, wird seit Jahren durch wirtschaftliche Zwänge von den USA auf Linie gebracht. Allerdings ist auch der autoritäre Iran kein Garant für Gerechtigkeit und Menschenrechte.

Die aktuellste Eskalation auf dem für Muslime und Juden heiligen Tempelberg in Jerusalem führt wieder auf religiöse Provokationen, Unterdrückung, Enteignung und Vertreibung palästinensischer Familien zurück. Dies zu kritisieren, wird von vielen rechtsradikalen Zionisten und dessen Sympathisanten innerhalb und vor allem außerhalb Israels als Antisemitismus bezeichnet, um jegliche Kritik am Vorgehen der israelischen Regierung abzuwürgen.

Dabei kann man Israel wegen seiner Enteignungs- und Unterdrückungs-Methoden nicht vorwerfen es aufgrund der Geschichte besser wissen zu müssen, denn die Gründer und die Mehrheit der Israelis damals waren nicht direkt oder indirekt betroffen vom nationalsozialistischen Völkermord und Holocaust. Dieser wurde damals nur politisch dazu genutzt, um einen eigenen „jüdischen“ Staat in den Gründungsjahren und danach zu legitimieren. Nun ist Israel da und das Existenzrecht gilt auch für dieses Land, aber ebenso für einen palästinensischen Staat.

Sachliche Kritik an Israel wird häufig gleichgesetzt mit Hass gegenüber Juden. Viele Israelis und Juden kritisieren jedoch selbst ihre bzw. die israelische Regierung, die an keiner Lösung interessiert zu sein scheint. Denn die Wählerstimmen der rechtsradikalen Siedler und ihrer Sympathisanten sind entscheidend für ihre Wahlerfolge. Die einzige Lösung jedoch, um den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern endlich zu befrieden, liegt in der Zweistaatenlösung mit Jerusalem als doppelte Hauptstadt. Diese Lösung jedoch lehnt Israel bisher ab.

So wird es nicht die letzte Eskalation bleiben, mit vielen toten und verletzten Palästinensern auf der einen Seite und vom Raketenalarm und möglichen Anschlägen verängstigten Israelis auf der anderen. Während die Politik zugunsten rechtsradikaler Siedler blockiert, leiden erneut viele Bürger auf beiden Seiten. Die Hamas war damals mit Hilfe Israels gegründet und finanziert worden, um gegen die PLO von Arafat zu konkurrieren und eine langersehnte Zweitstaatenlösung zu verhindern. Sie scheint für die israelische Regierung ein verlässlicher Kriegsgegner zu sein, denn immer, wenn von der Innenpolitik abgelenkt werden soll, fliegen Raketen auf Israel, nach Provokationen zuvor.


Dieser Gastbeitrag gibt die Meinung des Autors wieder und stellt nicht zwingenderweise den Standpunkt von nex24 dar.


Auch interessant

– Jerusalem-Krise –
US-Politikerin Rashida Tlaib verurteilt Militärhilfen an Israel

Vor dem Hintergrund der seit Tagen anhaltenden Zusammenstöße in Jerusalem hat die US-Politikerin Rashida Tlaib die US-Militärhilfen an Israel scharf verurteilt.

US-Politikerin Rashida Tlaib verurteilt Militärhilfen an Israel

Auch interessant

Von der Leyen will Kanada zum assoziierten EU-Mitglied machen

Brüssel - Die Europäische Union will ihre Beziehungen zu Kanada deutlich ausbauen. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen schlug am Mittwoch in ihrer Rede zur...

„Jüdische Stimme“ darf extremistisch genannt werden

Berlin – Das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg (OVG) hat am 21. September 2026 eine wegweisende Entscheidung im Eilverfahren getroffen: Das Bundesministerium des Innern darf den propalästinensischen Verein...

Sachbeschädigung an Moschee in Ahlen: Polizei prüft politischen Hintergrund

Ahlen - In der Nacht zu Dienstag ist es an einer Moschee in der Rottmannstraße im westfälischen Ahlen zu einer Sachbeschädigung gekommen. Ein bislang...

Nach Wahlsieg in Berlin: Zentralrat der Juden warnt vor Linke-Regierung

Berlin – Die Linke ist bei der Berliner Abgeordnetenhauswahl am 20. September stärkste Kraft geworden. Nach dem Wahlsieg fordert der Präsident des Zentralrats der...

Türkei: Israel-nahes Betrügernetzwerk zerschlagen

Istanbul - Türkische Sicherheitskräfte haben nach eigenen Angaben ein mit Israel in Verbindung stehendes, betrügerisches Handelsnetzwerk aufgedeckt. Wie Medien unter Berufung auf den türkischen Justizminister...

Headlines

Elif Eralp und der Palästina-Bumerang: Berlins neuer Machtfaktor

Ein Gastkommentar von Nabi Yücel Berlin hat gewählt, und diesmal hat die Hauptstadt dem politischen Establishment einen überdeutlichen Denkzettel verpasst:...

Israel: Demonstranten fordern Todesstrafe für NAZA-Filmemacher

Tel Aviv - Aktivisten haben in der zentralisraelischen Stadt Savyon vor dem Haus der Eltern der Filmemacherin Rachel Szor...

Türkei entdeckt die Wirtschaftsmoral des Mittelalters neu

Ein Gastkommentar von Nabi Yücel Gewinn machen, aber nicht um jeden Preis: Die Türkei greift derzeit auf eine jahrhundertealte Tradition...

Bericht: Israel soll Türkei Aufteilung Syriens angeboten haben

Ankara - Israel soll der Türkei Berichten zufolge einen weitreichenden Deal zur Aufteilung von militärischen Einflusszonen in Syrien angeboten...

Meinung

„Jüdische Stimme“ darf extremistisch genannt werden

Berlin – Das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg (OVG) hat am 21. September 2026 eine wegweisende Entscheidung im Eilverfahren getroffen: Das Bundesministerium des Innern darf den propalästinensischen Verein...

Elif Eralp und der Palästina-Bumerang: Berlins neuer Machtfaktor

Ein Gastkommentar von Nabi Yücel Berlin hat gewählt, und diesmal hat die Hauptstadt dem politischen Establishment einen überdeutlichen Denkzettel verpasst: Die Linke erreicht 25,7 Prozent,...

Araştırma: Dini İnanç, Gençleri Kaygı Bozukluklarından Koruyan Temel Bir Faktör

Almanya - Bochum Ruhr Üniversitesi (RUB) tarafından yürütülen güncel bir araştırma, dini inancın çocukların ve gençlerin ruh sağlığı için kritik bir koruyucu faktör olduğunu...

CHP: Vatandaşlar ile Parti Arasındaki Artan Kopuş

Nabi Yücel Vatandaşlarla partiler arasındaki giderek derinleşen kopuş, Türkiye'nin en köklü partisi CHP üzerinden somut biçimde gözlemlenebilir. Cumhuriyet Halk Partisi, 38. Olağan Kurultay'ın ardından ve...

The Economist: Erdoğan, Müslüman dünyasının en popüler politikacısı

Londra - Neredeyse iki milyar insandan oluşan devasa ve çeşitlilik arz eden bir topluluk olan küresel Müslüman topluluğu Umma/Ümmet içinde, birleştirici bir temsilci arayışı...