Geschichte
Dezember 1978: Das Pogrom von Kahramanmaraş

In diesem Monat jährt sich zum 42. Mal das Pogrom von Kahramanmaraş.

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Kahramanmaraş – In diesem Monat jährt sich zum 42. Mal das Pogrom von Kahramanmaraş.

Das Pogrom von Maraş, auch Kahramanmaraş-Massaker genannt, ereignete sich vom 19. bis zum 26. Dezember 1978. Bei dem Massaker gegen die alevitische Glaubensgemeinde kamen nach offiziellen Angaben 111 Menschen ums Leben. Alevitische Vertreter sprechen von bis zu 1.000 Todesopfern. Nach staatlichen Informationen wurden zudem mehrere Hundert Häuser und Geschäfte geplündert.

In den Siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts. gab es in der Türkei bis zum Militärputsch 1980 täglich Konflikte zwischen rechten und linken Gruppierungen mit vielen Toten. Nach der Ermordung des alevitischen Geistlichen Sabri Özkan, durch mutmaßliche Rechte im April 1978, stieg die Spannung auch in Kahramanmaraş.

Vor den Unruhen seien in der Stadt unbekannte Männer aufgetaucht, die mit roter Farbe Kreuze an die Türen bestimmter Häuser und Geschäfte malten. Sie hätten behauptet, sie kämen von der Stadtverwaltung und müssten Sanierungsarbeiten vorbereiten. Bei den Gebäuden habe es sich um die Häuser und Geschäfte von Aleviten gehandelt, so Überlebende gegenüber Medien.

In der Nacht des 19. Dezembers 1978 wurde ein Anschlag auf ein Kino verübt, in dem ein anti-sowjetischer Film gezeigt wurde. Rechte Gruppen machten aus diesem Grund „Linke“ für den Anschlag verantwortlich. Am 20. Dezember wurde dann ein Bombenanschlag auf ein alevitisches Cafe verübt. In den darauffolgenden Unruhen wurden am 21. Dezember zwei „linke“ Lehrer erschossen. Ab dem 23. Dezember seien die zuvor markierten Gebäude angegriffen und die Menschen ermordet worden. Ankara verhing daraufhin den Ausnahmezustand für die Stadt und weiteren Provinzen im Südosten der Türkei.

„Kein religiöser Konflikt“

Bei den Unruhen habe es sich keineswegs um einen religiösen Konflikt gehandelt, sagen viele Überlebende. Zahlreiche Sunniten hätten Aleviten in ihren Häusern versteckt.

„Man darf das nicht verallgemeinern. Es gab Sunniten, die uns bedroht und andere, die uns vor Bedrohungen beschützt haben. Es gibt viele Geschichten davon, wie Sunniten aus Kahramanmaras ihre alevitischen Nachbarn bei sich zu Hause aufgenommen haben“, zitiert etwa die Frankfurter Allgemeine Zeitung (faz) Ünal Ateş, Vorsitzender einer alevitischen Vereinigung. Er erlebte die Massaker damals als siebenjähriger Junge mit. „Nur einige waren die Täter, aber alle leiden darunter“, so Ateş.

Ateş und seine Mitstreiter fordern seit langem, dass die Akten für einen Prozess wieder geöffnet werden. Es gehe ihnen nicht um eine Bestrafung der Schuldigen, sondern darum, die Vorgänge von damals ans Licht zu bringen. „Ob die Täter, wenn sie überhaupt noch leben und sich in der Türkei aufhalten, am Ende doch noch verurteilt werden, ist eine andere Frage. Wichtiger ist es zu zeigen, dass es sich um eine bestimmte Gruppe von schlechten Menschen handelte und dass nicht alle Sunniten schuldig sind“, zitiert die faz Ateş weiter.

Linke machen die NATO verantwortlich

Die türkische Linke macht staatliche Akteure und die NATO für die Massaker verantwortlich.

„Der CIA-Agent Paul Henze soll nur eine Woche vor dem Massaker einige Treffen in Maraş abgehalten haben. Es ist bekannt, dass einige Waffen, die während des Massakers verwendet wurden, im Inventar eines NATO-Arsenals in der Stadt İskenderun aufgeführt waren“, schreibt etwa die Seite „Sol„.

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