Geschichte
Zu Atatürks Ausspruch „Welch ein Glück, sagen zu können: ich bin ein Türke“

Was bedeutet der berühmte Ausspruch Atatürks „Welch ein Glück, sagen zu können: ‚ich bin ein Türke‘?

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Ein Gastbeitrag von Kemal Bölge –

 kboelge@web.de

Ich werde mich heute mit dem berühmten Ausspruch des Gründers der modernen Türkei, Mustafa Kemal Atatürk beschäftigen, der anlässlich des 10. Jahrestags der Ausrufung der Republik, am 29. Oktober 1933, erklärte „Welch ein Glück, sagen zu können: ich bin ein Türke“ (Türkisch „Ne mutlu Türküm diyene“).

Man sollte diesen Satz zweimal lesen. Was wollte Atatürk mit diesem Ausspruch zum Ausdruck bringen? Eines vorneweg: Hinter diesem Satz verbirgt sich keine Ausschließung von ethnischen Minderheiten oder Rassismus, wie manche vielleicht vermuten, sondern berücksichtigt alle Ethnien, die zum damaligen Zeitpunkt in der Türkei lebten. Ich werde das noch näher erläutern.

Unser heutiges Verständnis von einer Nation geht auf die Französische Revolution von 1789 zurück, denn dort fanden sich die Bürger auf einer neuen Grundlage zu einem Staatsvolk zusammen. Durch die Industrialisierung und den daraus sich entwickelnden sozialen Veränderungen entstanden in ganz Europa neue Nationalstaaten.

Der Satz von Atatürk muss zunächst im historischen Kontext betrachtet werden. Dem Osmanischen Reich wurden nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg und der Unterzeichnung des Waffenstillstands von Mudros (30. Oktober 1918) von den Alliierten Bedingungen diktiert, die umgesetzt werden mussten.

Kriegsschiffe der Alliierten besetzten schließlich die osmanische Hauptstadt Istanbul und andere Landesteile wurden ebenfalls okkupiert. Das war für die damalige Bevölkerung und vielen Militärs der verbliebenen osmanischen Armee ein Schock und eine Schmach. Der Widerstand gegen die Besatzer wurde von Mustafa Kemal Pascha und seinen Freunden organisiert. Diese lehnten den Waffenstillstand von Mudros als auch später den Vertrag von Sevres ab und in Sivas wurde 1919 der erste Kongress gebildet, aus der quasi das erste Parlament hervorging.

Aus der Idee der Befreiung von den fremden Mächten entwickelte sich die Befreiungsbewegung von Mustafa Kemal Pascha. Das türkische Volk unterstützte diese Bewegung wo es nur konnte. Aus der Befreiungsbewegung wurde eine Armee geformt, die gegen die Briten, Franzosen, Griechen, Italiener etc. erfolgreich Krieg führte und diese letztendlich die Türkei verlassen mussten. Der Vertrag von Lausanne und die Ausrufung der türkischen Republik am 29. Oktober 1923 war das Ergebnis des Sieges über die Besatzer, die die Türkei ursprünglich aufteilen wollten.

Atatürks Idee bestand darin aus den vielen Ethnien einen Nationalstaat bzw. eine Nation zu schaffen, ohne aber die ethnische Zugehörigkeit der Menschen infrage zu stellen.
Der Begriff Türke ist in diesem Zusammenhang nicht auf eine Ethnie bzw. „Rasse“ reduziert, sondern ist ein Überbegriff für alle in der Türkei lebenden Menschen, die sich mit dem Land und seinen Menschen sowie seiner Kultur verbunden fühlten. Es gibt also einen Unterschied zwischen dem europäischen Begriff der Nation des 18. und 19. Jahrhunderts, in dem Minderheiten benachteiligt wurden, weil sie nicht dem Ideal einer Nation (gemeinsame Sprache, Kultur, Geschichte, Religion) und der Idee einer türkischen Nation.

Es geht mir nicht darum, jemandem vorschreiben zu wollen, mit welcher Nation oder Ethnie er sich identifiziert, das sollte jeder selbst entscheiden. Ich wollte mit diesem Text deutlich machen, dass Atatürks Ausspruch keine Ausgrenzung beinhaltet, weil es an alle Bürger der Türkei gerichtet war.


Dieser Kommentar gibt die Meinung des Autors wieder und stellt nicht zwingenderweise den Standpunkt von nex24 dar.


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