Kommentar
Corona-Virus: Das Börsenbeben ist nur der Anfang

Das globale Finanzsystem hat in der vergangenen Woche eines der schwersten Börsenbeben seiner Geschichte erlebt. In den USA stellte der Dow Jones Index gleich zwei Rekorde auf – den schnellsten Kurssturz seit der Großen Depression und den größten Tagesverlust seit seiner Gründung vor 130 Jahren. 

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Ein Kommentar von Ernst Wolff

Das globale Finanzsystem hat in der vergangenen Woche eines der schwersten Börsenbeben seiner Geschichte erlebt. In den USA stellte der Dow Jones Index gleich zwei Rekorde auf – den schnellsten Kurssturz seit der Großen Depression und den größten Tagesverlust seit seiner Gründung vor 130 Jahren. 

Börsenwerte von insgesamt sechs Billionen US-Dollar wurden vernichtet, ein Drittel der Gewinne, die seit dem Amtsantritt von US-Präsident Trump gemacht worden waren, lösten sich in Luft auf. 

Auch die europäischen Börsen wurden nach unten gerissen. Der Dax brach um 1850 Punkte ein und erlebte mit einem Minus von 13,5 Prozent die schwärzeste Woche seit der Weltfinanzkrise von 2007/08. 

Der tatsächlich entstandene Schaden dürfte jedoch erheblich größer sein als diese Zahlen nahelegen. Da Derivate – also Wetten auf steigende und fallende Kurse – auch zur Absicherung von Risiken eingesetzt werden, kann man davon ausgehen, dass der Kurssturz an den Börsen Großbanken und Hedgefonds weit mehr als nur die ausgewiesenen Verluste gekostet hat.

Das allein würde das globale Finanzsystem bereits in seinen Grundfesten erschüttern. Hinzu kommt aber noch, dass wir es zurzeit mit der höchsten Verschuldung aller Zeiten zu tun haben. Vorsichtigen Schätzungen zufolge müssen weltweit mehr als 250 Billionen US-Dollar an Schulden bedient werden. Da viele Gläubiger nervös werden, weil ihre Schuldner durch die Börsenturbulenzen in Zahlungsschwierigkeiten geraten, geht die Angst vor einem Margin Call um – also einem plötzlichen großflächigen Einfordern der Schulden durch die Gläubiger. 

Als seien diese beiden Probleme noch nicht genug, kommen noch weitere hinzu: Wegen der Niedrigzinsen und der bereitwilligen Geldvergabe durch die Zentralbanken haben viele Investoren, die davon ausgingen, der mehr als 12jährige Boom an den Börsen halte ewig an, mit geliehenem Geld spekuliert, das sie nun verloren haben und zurückzahlen müssen.

Andere wiederum haben das „Leveraging“ praktiziert, sich also Geld geliehen, um die eigenen Wetteinsätze zu erhöhen oder, um es in der Sprache der Banker auszudrücken: Sie haben ihre Einsätze gehebelt – und ihre Verluste auf diese Weise vervielfacht. 

Zudem hat sich in der letzten Woche noch ein weiterer Krisenherd aufgetan: Angesichts des Börsenbebens haben viele Anleger nach sicheren Häfen gesucht und ihr Geld in Staatsanleihen und Gold umgeschichtet. Das hat den Goldpreis immer höher getrieben und für die Großbanken eine neue Gefahr heraufbeschworen. 

Sie haben in den vergangenen Jahren nämlich erheblich mehr Gold verkauft als sie tatsächlich besitzen. Da sehr hohe Goldpreise viele Besitzer veranlassen könnten, ihr Gold in Krisenzeiten in Geld umzuwandeln und der Schwindel der Banken so auffliegen würde, muss der Preis mit allen Mitteln gedrückt werden. Genau das haben wir in der vergangenen Woche mehrmals erlebt. 

Das mit Abstand größte Problem für die Finanzindustrie aber besteht darin, dass die Zentralbanken, die in den letzten zwölf Jahren immer wieder als Retter in der Not eingesprungen sind, der gegenwärtigen Entwicklung weitgehend hilflos gegenüberstehen.

Die Zentralbanken haben nämlich bereits riesige Summen zu immer niedrigeren Zinsen in dieses System gepumpt und ihr Pulver damit weitgehend verschossen. Aber selbst wenn sie aus Verzweiflung beschließen sollten, die Zinsen noch tiefer, also bis in den Negativbereich, abzusenken und zusätzliche Billionen ins System einzuspeisen – sie können damit die Folgen der Corona-Krise, nämlich die unterbrochenen Lieferketten, die Produktionsausfälle und den Wegfall riesiger Absatzmärkte nicht stoppen.

Was also wird geschehen? Möglicherweise werden einige Regierungen dem Beispiel Hong Kongs folgen und die Verteilung von Helikoptergeld anordnen, also allen Bürgern von der Zentralbank aus dem Nichts geschaffenes Geld zwecks sofortiger Ausgabe zur Ankurbelung der Wirtschaft ohne Gegenleistung überweisen. 

Das aber wird das Problem nicht lösen, sondern nur vorübergehend aufschieben und schlussendlich verschärfen, denn es ist das sichere Mittel, eine galoppierende, allerdings erst mit einiger Verzögerung auftretende Inflation in Gang zu setzen. 

Gibt es andere Möglichkeiten? 

Niemand weiß, wozu die Finanzelite in dieser für sie höchst gefährlichen Notsituation imstande ist, aber man kann mit Sicherheit damit rechnen, dass sie die Lage ausnutzen wird, um die Bargeldabschaffung voranzutreiben. Außerdem werden Großunternehmen und Hedgefonds versuchen, mittelständische Unternehmen, die zurzeit in riesiger Zahl in immer größere Not geraten, zu Spottpreisen aufzukaufen. Möglicherweise wird es schon in naher Zukunft zu einer Schließung der Börsen und einem Bank-Holiday, also einer vorübergehende Schließung der Banken, kommen. 

Wir stehen momentan vor einer Phase, in der das gegenwärtige System das ganze Ausmaß seiner Fäulnis offenbart und auch sein wahres Gesicht schonungslos enthüllt: Während die Unterbrechung von Handelsketten in nicht allzu ferner Zukunft zu Plünderungen von Geschäften führen dürfte, wird die Finanzelite bis zum bitteren Ende versuchen, das System zu den eigenen Gunsten zu plündern. 

Lässt sich das alles verhindern? 

Nein, dazu ist es zu spät. Aber das immer offener zutage tretende Versagen der Politik wie auch die selbst in Notzeiten nicht versiegende Gier des großen Geldes werden sehr vielen Menschen in den kommenden Tagen die Augen öffnen, Illusionen über dieses System zerstören und damit die historische Chance bieten, sich in großer Zahl der wichtigsten Aufgabe unserer Zeit zuzuwenden: Das gegenwärtige Geldsystem durch ein demokratisches Geldsystem zu ersetzen, das nicht einer winzigen Minderheit zu unvorstellbarem Reichtum, sondern der überwältigenden Mehrheit der Menschen zu einem würdevollen Leben in Frieden, Freiheit und sozialer Sicherheit verhilft. 


Dieser Kommentar gibt die Meinung des Autors wieder und stellt nicht zwingenderweise den Standpunkt von nex24 dar.


Ernst Wolff

Ernst Wolff ist freier Journalist und Autor des Buches “Finanz-Tsunami: Wie das globale Finanzsystem uns alle bedroht“.

Wolff, geboren 1950, aufgewachsen in Südostasien, Schulzeit in Deutschland, Studium in den USA. Der Journalist und Spiegel-Bestseller-Autor (»Weltmacht IWF«) beschäftigt sich seit vierzig Jahren mit der Wechselbeziehung von Politik und Wirtschaft. Sein Ziel ist es, die Mechanismen aufzudecken, mit denen die internationale Finanzelite die Kontrolle über entscheidende Bereiche unseres Lebens an sich gerissen hat: »Nur wer diese Mechanismen versteht und durchschaut, kann sich erfolgreich dagegen zur Wehr setzen.«

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