Start Politik Ausland Syrienkrise Kommentar: In Nordsyrien ist für die YPG der Zug abgefahren

Syrienkrise
Kommentar: In Nordsyrien ist für die YPG der Zug abgefahren

Nach acht Jahren syrischem Bürgerkrieg treffen sich Regierungs- und Oppositionsmitglieder in Genf, um eine neue Verfassung auszuarbeiten.

(Archivfoto: nex24)
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Die Steigbügelhalter der Neo-Kurdischen Briefkastenvereinigungen bringen sich in Stellung

Ein Gastkommentar von Nabi Yücel

Nach acht Jahren syrischem Bürgerkrieg treffen sich Regierungs- und Oppositionsmitglieder in Genf, um eine neue Verfassung auszuarbeiten. Der Weg ist steinig, aber Putin hat offenbar ein Machtwort gesprochen; Assad muss klein beigeben und entsprechend parieren. Ist damit auch die Flucht der kurdisch-völkischen militanten YPG samt ihren Briefkastenvereinigungen unter die Fittiche des Damaszener-Assads hinfällig?

Offenbar, denn unter den Vertretern der zahlreichen Briefkastenvereine und Vereinigungen, die sich unter der Schirmherrschaft der PKK versammelt haben und der syrischen Neo-Kurdischen YPG samt ihrem politischen Arm PYD die Stange halten, herrschen chaotische Zustände.

Während die jesidisch-stämmige Düzen Tekkal nun Damaszener-Assad als „brutalen Diktator“ tituliert, applaudieren YPG- und SDF-Aktivisten über soziale Netzwerke Assad zu, der angeblich die „Kurden“ zum gemeinsamen Kampf gegen die „Aggression“ aufgerufen habe; stellen dann aber zeitnah fast schon Stolz fest, wie die „Feiglinge“ Assads vor der heranrückenden türkischen Armee in Scharen fliehen, während ihre „Kämpfer“ die Stellung hielten.

(Foto: Screenshot/Twitter/duezentekkal)

Während die kurdischstämmige Berivan Aslan sich die Wahl zwischen Assad und Erdoğan wie die Wahl zwischen Pest und Cholera vorstellt, suchen die SDF-Funktionäre händeringend noch immer zwischen dem „Verräter“ USA und „Pest“ Assad einen Koalitionspartner zurückzugewinnen, der sie noch politisch am Leben erhält; um sogleich wieder durch die kurdischstämmige Dersim Dagdeviren ins absurdum geführt zu werden, die ihren „General“ Mazlum Kobane hyped, weil dieser nun versucht, eine vertrauensvolle Basis mit Trump und Putin zu finden sowie einen Sonderstatus zu erreichen.

Dabei wurden die Fahrkarten längst ausgeteilt, der Zug doch längst abgefahren…

Nun hasten all diese sogenannten „Rojavisten“ hinter diesem abgefahrenen Zug hinterher und halten die Hoffnung hoch, dass der Zug noch rechtzeitig anhält, um einzusteigen. Welche Illusionen die YPG/SDF gepflegt hat, welche Erwartungshaltungen sie dabei konkret erfüllt hat, sieht man seit mehr als acht Jahren. In Afrin prophezeite man einen „verheerenden Krieg“, wenn die Türkei sich anmaßen würde, in diese Region einzumarschieren. Das Ergebnis ist doch längst bekannt: Afrin ist kein Thema mehr, höchstens für die Aufrechterhaltung des Mythos über die „heldenhaften Märtyrer“ der SDF/YPG/YPJ.

Bei der gegenwärtig noch offenen militärischen Operation der Türkei, wetzte man, wie zuvor bei Afrin, auch die Messer und war ebenfalls voller Enthusiasmus, kündigte wortstark ein „Vietnam der Türkei“ an. Gegenwärtig gibt es so gut wie gar keine YPG/SDF-Miliz mehr in der gesicherten Sicherheitszone, die einst „Rojava“ werden sollte. Wann Gedenken die Neo-Kurden, aus ihrem Wachkoma aufzuwachen?

Der Stachel ist in Nordsyrien nun sozusagen herausgezogen. Es wird noch eine Zeitlang jucken und kratzen, aber irgendwann wird die Rötung verschwinden. Vor allem jetzt wird sich zeigen, was diese Damen und Herren unter Demokratie, Frieden oder Schutz und Sicherheit verstehen, die sie in jedem Satz ihrer wortstarken Reden besonders unterstreichen. Wird eine Düzen Tekkal, eine Berivan Aslan oder Dersim Dagdeviren eine Neuordnung der demokratische Verfassung Syriens zustimmen, um das Leid und Elend zu beenden? Werden Sie, diese Friedensbotschafterinnen und Musterdemokratinnen, die verfassungsgebende Ordnung in Syrien anerkennen, die derzeit von Vertretern der syrischen Opposition-, Regierung- und Zivilgesellschaftsvertretern angepackt wird?

Ja, das Treffen der syrischen Regierungs- und Oppositionsmitglieder in der Schweizer Stadt Genf, in der eine neue Verfassung für das vom Bürgerkrieg heimgesuchte Land ausgearbeitet werden soll, steht unter keinem guten Stern, wird langatmig geführt werden, werden die Opposition und die Zivilgesellschaft große Abstriche hinnehmen müssen. Letztlich kommen aber alle nicht umhin, sich dem Willen Russlands zu beugen. Sie hat alle relevanten Parteien nun zusammengeführt, gibt dem Iran und der Türkei die Gelegenheit, diese zu begleiten, hat aber die USA und Europa vor die Tür gesetzt, dafür den UN-Sonderbeauftragten für Syrien, den Norweger Geir Pedersen, mit an den Tisch gesetzt.

Damit müssen sich nun alle abfinden; auch, dass die YPG/SDF wie auch andere terroristisch eingestuften „Dschihadisten“-Milizen ausgeschlossen worden sind. Der Prozess der Zusammensetzung der Liste der 150 Mitglieder im Verfassungsausschuss war anstrengend, und es dauerte fast zwei Jahre, bis zwei UN-Gesandte unter Einbeziehung von Regierungs-, Oppositions- und Zivilgesellschaftsführern fertiggestellt war. Die Liste ging zwischen Damaskus, Astana, Riad und Istanbul hin und her. Damaskus legte gegen viele Namen der Opposition ein Veto ein, was zu einer Liste von Mitgliedern führte, die möglicherweise nur begrenzte Auswirkungen vor Ort hatten. Offenbar war auch die YPG/SDF keine große Stimme, wie man es in Europa ständig kolportiert hatte.

Es ist klar, dass die Türkei gegen die Teilnahme der YPG/SDF ebenfalls Einwände erhob und Damaskus, obwohl sie sich bislang eher bedeckt hielt, aber einige der Forderungen der YPG/SDF, wie die militärische Autonomie, nicht akzeptieren wollte. Es wird nicht ausbleiben, dass die Gegner das verfassungsgebende Gremium in Genf zu delegitimieren versuchen werden; so sieht es auch der russische Sondergesandte Andrej Kortunow. Offensichtlich ist auch Russland bewusst, dass der YPG/SDF-Juckreiz noch lange anhalten wird und sich in Terror und Gewalt bemerkbar macht.

Man kann gespannt sein, wie die Gegner des Gremiums sich diesem Problem annehmen werden, schließlich müssten sie auch konkret die Bemühungen der UNO oder Russlands unterhöhlen, um das auch annähernd zu bewerkstelligen. Wie werden die genannten und nicht genannten Damen und Herren nun reagieren, die derzeit von Frieden, Menschenleben und Leid in Syrien philosophieren, aber auf der anderen Seite der YPG/SDF die Stange halten?


Dieser Kommentar gibt die Meinung des Autors wieder und stellt nicht zwingenderweise den Standpunkt von nex24 dar


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