Erdogans Ungarn-Besuch
Kommentar: Islamhass und Kultur schließen sich gegenseitig aus

Politik kann oft paradox sein. Am 8. und 9.10. wird Erdogan nun Ungarn besuchen. Orban nannte Muslime wiederholt Invasoren und baut um Ungarn einen Zaun. Weiß er, dass Erdogan Muslim ist und die Türken, die dann über die EU alle ins schöne Ungarn kommen dürfen, meistens auch?

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Von Prof. Dr. Hans-Christian GüntherPolitik kann oft paradox sein. Am 8. und 9.10. wird Erdogan nun Ungarn besuchen. Der Besuch wird sicher ungetrübter ablaufen als der in Deutschland. Orban war einer der ersten, der Erdogan zu seinem Wahlsieg gratuliert hat. Jetzt will er gar die Mitgliedschaft der Türkei in der EU unterstützen. Eigentlich nennt Orban Muslime Invasoren und baut um Ungarn einen Zaun. Weiß er, dass Erdogan Muslim ist und die Türken, die dann über die EU alle ins schöne Ungarn kommen dürfen, meistens auch? Man kann seine Zweifel haben, denn schon wenn Orban sich zum Vertreter ungarischer Kultur und Tradition aufspielt, dann sieht es für die ungarische Kultur schlecht aus. Deshalb ein Detail, über das leider, aber verständlicherweise wenig berichtet wurde. Schon am 28.3.2017 letzen Jahres hat der Stadtrat von Budapest beschlossen, eine 1985 in einem zentralen Park der Stadt aufgestellte Statue des großen ungarischen Philosophen György Lukacs in einer Nacht-und-Nebel-Aktion zu entsorgen. Eine internationale Petition, sie wieder aufzustellen, war erfolglos. Noch gravierender ist es, dass am 24.5. diesen Jahres der letzte Mitarbeiter des Archivs des großen Philosophen, das sich in seinem bis zu seinem Tode von ihm bewohnten Haus befand und auch seine gesamte Bibliothek mit all seinen Notizen in seinen Büchern enthielt, entlassen wurde. Das Archiv war eine international hochgeschätzte Forschungsstätte. Ihre Schließung war lange angekündigt und durch systematischen Entzug der Finanzierung vorbereitet. Eine internationale Petition, die auch ich und zahlreiche Gelehrte unterschrieben haben, hatte keinen Erfolg. Lukacs war der vielleicht größte marxistische Philosoph des letzten Jahrhunderts, ein großer Vertreter der literarischen Ästhetik dazu: Thomas Mann hat ihm in seinem ,Zauberberg‘ ein Denkmal gesetzt. Im christlichen (nicht christlich-jüdischen) Ungarn der Kulturbanausen ist für einen marxistischen und jüdischen Denker kein Platz. Die Demontierung von Lukacs ist ein Verbrechen an der ungarischen Kultur. Wer große Männer der Kultur an ihrer politischen Einstellung misst, der bedient sich der Methoden Stalins und der Nazis. Diese Zerstörung ungarischer Kultur wird jeden Freund gerade dieses kleinen Landes mit seiner dennoch so reichen Kultur schockieren. Was hat dieses von der Geschichte gebeutelte kleine Land der Welt zu bieten, wenn nicht seine große Kultur? Ungarn hat, als ein kleine Land, umgeben von großen fremden Ethnien, immer um sein Überleben kämpfen müssen. Es konnte sich nur als ein Land von Revolutionären behaupten. Schon der prominenteste Vertreter der Schaffung der modernen ungarischen Sprache, Ferenc Kazinczy, hat einen großen Teil seines späten Lebens im Gefängnis verbracht. Ungarns größter Dichter, Sandor Petöfi, war ein frecher junger Revolutionär, der kompromisslos die Ideale einer antibürgerlichen Revolution vertreten hat und dafür gestorben ist. Er hat Gedichte geschrieben wie ,Hängt die Könige und Fürsten auf‘. Was hätte er wohl über den bürgerlichen Spießer und Islamhasser Orban geschrieben. Ich habe keine Hoffnung, dass Lukacs in Ungarn auf absehbare Zeit rehabilitiert wird. Ich schlage Herrn Orban vor, auch alle Petöfistatuen niederzureißen, ihn aus dem Schulunterricht zu verbannen und durch den heiligen Stephanus und Attila zu ersetzen. Nein! Besser noch, Orban und Konsorten sollen den Mut haben, endlich auch durch eine niegelnagelneue Statue des Antisemiten und Schergen des Holocaust Admiral Horthy im Zentrum von Budapest zu zeigen, wer der Held des neuen Ungarn ist. Fazit: Islamhasser sind zumeist zugleich kulturlos und oft antisemitisch. Denn Islamhass und Kultur schließen sich gegenseitig aus.


Dieser Kommentar gibt die Meinung des Autors wieder und stellt nicht zwingenderweise den Standpunkt von nex24 dar.


Prof. Dr. Hans-Christian Günther

Lebenslauf

Geb. am 28.4.1957 in Müllheim / Baden

Professor für klassische Philologie an der Albert-Ludwigs-Universität. Zahlreiche Publikationen und Gastprofessoren. Lange Aufenthalte in der VR China. Im Bereich der Altertumswissenschaft besonderer Schwerpunkt auf der politischen Dichtung der Augusteer und allgemein der Reflexion antiker Autoren auf ihre gesellschaftliche Stellung und Verantwortung

Seit 2004 Tätigkeit im Bereich des Dialogs der Religionen und Kulturen mit zahlreichen Veröffentlichungen.

 

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