Cannes Filmfestival 2017
Cannes: Kantemir Balagov auf dem Weg zu internationalem Erfolg

Der erste Langfilm des tscherkessischen Regisseurs Kantemir Balagov erzählt von einer dramatischen Begebenheit aus dem Leben der jüdischen Diaspora im Nordkaukasus. „Tesnota“ ist nun vom prestigeträchtigen Filmfestival in Cannes ausgezeichnet worden.

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Von Irma Kreiten

Cannes (nex) – Der nordkaukasische Autorenfilm „Tesnota“ (engl. Titel: Closeness) ist auf dem 70. Filmfestival von Cannes in der Kategorie „Un certain regard“ ausgezeichnet worden: Wie am Samstag bekanntgegeben wurde, erhielt der Film den Fipresci-Preis der Internationalen Filmkritiker. Der Regisseur ist ein junger Tscherkesse aus der Republik Kabardino-Balkarien, die einen Teil der Rußländischen Föderation bildet.

Die Jury lobte den Film für seine „frappante neue Stimme, die ein intimes Porträt einer geschlossenen Gemeinschaft bietet. Das Filmmagazin ScreenDaily nennt „Tesnota“ ein „intensives Debut“ und will auch deutliche Einflüsse der Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne – beide preisgekrönte Regisseure und Drehbuchautoren – auf den Film festgestellt haben. Selbst sagt der Regisseur, daß er neben Sokurov u.a. von der französischer Neuen Welle sowie dem sowjetischen Autorenkino eines Michail Kalatosow beeinflußt worden sei.

Kantemir Balagov wurde 1991 in Nalchik, der Hauptstadt Kabardino-Balkariens geboren. Laut eigener Schilderung dachte er zunächst an eine Ausbildung als Wirtschaftswissenschaftler an der Universität von Stavropol. Bald schon jedoch entdeckte er sein Interesse an Photographie und Film und stieß im Jahr 2011 auf einen Kurs des russischen Meisterregisseurs Alexander Sokurow. Dieser hatte eine Filmakademie an der Universität Nalchik eingerichtet. Sokurow ist international berühmt für seine ungewöhnlichen Perspektiven und Filmtechniken sowie seine düsteren, symbolreichen Sujets.

„Tesnota“ stellt den ersten Langfilm Balagovs dar und konnte vor allem dank rückhaltloser Unterstützung durch Alexander Sokurow realisiert werden. Der Film spielt in den 1990er Jahren in Nalchik: Er erzählt die Geschichte einer jüdischen Familie, die am Abend der Verlobung mit der Entführung ihres Sohnes David und dessen Braut konfrontiert wird. Die Entführer fordern ein hohes Lösegeld, die Familie sieht sich gezwungen, ihre Autowerkstatt zu verkaufen sowie bei der jüdischen Disapora um Hilfe anzufragen. Der Film beruhe auf einer wahren Begebenheit, die der Regisseur zunächst von seinem Vater, dann auch von anderen Augenzeugen gehört habe, so Balagov (weitere Informationen auch in der Pressemappe).

Ihn habe interessiert, wie weit eine Familie bereit sei zu gehen, um ihre Kinder zu retten, erklärt der junge Regisseur. Er beobachte in seinem Film, wie unterschiedliche Personen auf dramatische Ereignisse reagieren, wie manche Menschen hierbei ihre dunklen Seiten hervorkehrten,während andere sich alturistisch zeigten und wieder andere eher gleichgültig verblieben. „Tesnota“ erzählt die Geschichte aus der Sicht von Davids 24-jähriger, rebellischer Schwester Ilana und erkundet das Problem, ob ein Mensch sich auch selbst aufopfern müsse, um diejenigen, die ihm nahestehen, zu retten.

„Tesnota“ wurde, mit einer Drehdauer von 23 Tagen, mit einem schmalen Budget realisiert. Die Innenaufnahmen fanden aus Kostengründen in Sankt Petersburg statt, die Außenaufnahmen in Nalchik. Hilfe erfahren habe er nicht nur von seinem Lehrer Alexander Sokurov, sondern u.a. auch durch den Produzenten Nikolaj Yankin und dessen Filmfond „Example of Intonation“, so Balagov. Sein Vorhaben sei von anderen russischen Produzenten zunächst als „zu wenig kommerziell“ wahrgenommen worden. Er selbst glaube auch, daß in der Rußländischen Föderation niemand „eine Geschichte über Kabardiner und Juden“ sehen wolle.

Das Werk beschäftigt sich nicht nur mit der Entwicklung der innerfamiliären Beziehungen, sondern auch mit dem multikulturellen nordkaukasischen Kontext, vor dessen Hintergrund sich die Geschichte entfaltet. Ihn hätten gerade die interethnischen Beziehungen und die Unterschiedlichkeit russischer, kaukasischer und jüdischer Mentalitäten interessiert, erklärt Balagov. Diese seien für den Nordkaukasus von großer Bedeutung, hätten sich bisher aber zu wenig im Kino niedergeschlagen.

Im Nordkaukasus leben seit Jahrhunderten auch jüdisch geprägte Bevölkerungsgruppen, oft „Bergjuden“ oder auch „Nordkaukasische Juden“ genannt. Im Laufe der Zeit hat vielfach eine gegenseitige kulturelle Annäherung und Beeinflussung, etwa zwischen Tscherkessen und Juden, stattgefunden- Allerdings haben die Umbrüche in den 1990ern auch zu größeren Auswanderungswellen der jüdischen Diaspora geführt.Während des Zweiten Weltkriegs und der deutschen Invasion hatten die muslimisch geprägten Kabardiner jüdische Familien und Individuen versteckt und beschützt. Jüdischstämmige bzw. israelische Autoren und Intellektuelle haben ihrerseits auch die russische Unterwerfung des Nordkaukasus und den Völkermord an den Tscherkessen thematisiert. Eine jüdische Gemeinde und eine Synagoge gebe es auch heute noch in Nalchik, so der Regisseur selbst.

Den Filmtitel, der von Anfang an festgestanden habe, erklärt Balagov folgendermaßen: „Tesnota [der russische Begriff kann sowohl mit „Nähe“ wie auch mit„Enge“ übersetzt werden] besteht dann, wenn Du von Dir selbst ausgefüllt bist, wenn in Deinem Geiste kein Platz für einen weiteren Menschen ist. Andererseits bedeutet Tesnota auch außergewöhnliche Nähe: in der Familie, auf dem gleichen Fleckchen Erde. Du stößt überall auf andere Menschen und ihre Meinungen, Regeln, Gesetze, Dir reicht die Luft zum Atmen, die Freiheit nicht.“. Das Licht, der Ton, die Montage – alle Mittel des Kinos sollen diese Enge vermitteln.

Zur Teilnahme von „Tesnota“ am Wettbewerb in Cannes erklärte Balagov gegenüber „Eto Kavkaz“ das zur russischen Nachrichtenagentur TASS gehört, daß es schwierig sei, als junger Regisseur von einem so großen und bedeutenden Festival wahrgenommen zu werden – das Auswahlkommitte für die Nominierungen habe unter einer Vielzahl an Einsendungen zu entscheiden. Als er erfahren habe, daß der Film für die Wettbewerbskategorie „Un certain regard“ nominiert worden war, sei sein Gefühl unbeschreiblich gewesen. Er danke besonders seinem Lehrer Sokurov für seine Unterstützung wie auch allen übrigen, die sich für ihn eingesetzt und an den Erfolg seines Films geglaubt hätten.

Ein neues Projekt hat Balagov auch schon: Er will in seinem nächsten Film auf der Grundlage von Swetlana Alexandrowna Alexijewitschs Werken die Geschichte einer jungen Frau erzählen, die aus dem Krieg heimkehrt und sich ihr Leben erneut aufbauen muß. Er lese zur Zeit die Tagebücher, Erinnerungen und Erzählungen von Alexijewitsch. Die weißrussische Autorin ist bekannt für ihre stalinismuskritische Literatur und hatte für ihr Buch „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“ (1983) im Jahr 2015 den Literaturnobelpreis erhalten. Man darf also gespannt auf die weitere Entwicklung des Regisseurs sein und seinen Filmen ein neugieriges, aufgeschlossenes internationales Publikum wünschen.

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