Gastkommentar
Mattner: Warum ich nicht über den „Islamismus“ berichte

„Warum berichtest du nicht über Islamismus?“ Susanne Mattner kontert den medialen Pawlow-Reflex und erklärt, warum sie bewusst eine andere Seite zeigt.

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Ein Gastkommentar von Susanne Mattner

„Warum berichtest du nicht über Islamismus?“ Eine faszinierende Frage. Ungefähr so originell wie die Erkenntnis, dass Wasser nass ist.

Warum berichte ich nicht ständig darüber? Weil bereits ein paar Millionen Menschen rund um die Uhr darüber berichten. Über Islamismus. Über den sogenannten „politischen Islam“. Über Islamismus zum Frühstück, Islamismus zum Mittagessen und Islamismus als Gute-Nacht-Geschichte. Das Thema wird derart intensiv beackert, dass man meinen könnte, es gäbe auf diesem Planeten sonst nichts mehr.

Diejenigen, die mir diese Frage stellen, gehören meist zu zwei Kategorien: Entweder sie schreiben selbst überhaupt nichts. Zu gar nichts. Null. Nada. Oder sie schreiben von morgens bis abends ausschließlich über Islamismus und den sogenannten „politischen Islam“. Die größte Schnittmenge beider Gruppen besteht darin, dass sie erstaunlich viel Energie fürs Stänkern aufbringen, aber bemerkenswert wenig fürs eigene Produzieren.

Was mich allerdings wirklich amüsiert, ist dieser Anspruch mancher Leser, anderen Menschen vorschreiben zu wollen, womit sie sich zu beschäftigen haben. Als wäre Facebook eine staatliche Themenzuteilungsstelle und ich hätte vergessen, meinen Einsatzplan abzuholen. Schreibt doch den ganzen Tag über das, was euch wichtig ist. Ehrlich. Niemand hält euch auf. 

Ich hingegen zeige hier bewusst die andere Seite. Die Perspektive, die in vielen Debatten unter die Räder kommt. Die arabische Perspektive. Das war nie ein Geheimnis. Ich schreibe das seit Jahren. Wer das bis heute nicht verstanden hat, hat entweder bemerkenswert wenig gelesen oder bemerkenswert viel verdrängt.

Manchmal habe ich das Gefühl, bei manchen Menschen hat Pawlow endgültig gewonnen. Irgendwo fällt ein Löffel zu Boden, ein Vogel zwitschert, eine Autotür knallt – und reflexartig lautet die Reaktion: „Aber was ist mit dem Islamismus?“ Manche wirken inzwischen wie politische Versuchshunde, die auf jedes Geräusch mit demselben Reflex reagieren. Das ist kein ernsthaftes Interesse mehr. Das ist Konditionierung.

Und seien wir ehrlich: Ihr seid nicht hier, weil ihr glaubt, ich hätte das Thema noch nie wahrgenommen. Ihr seid hier, weil ihr stänkern wollt. Weil ihr nicht ertragt, dass jemand einen anderen Blickwinkel einnimmt als euren eigenen. Das ist euer gutes Recht. Aber dann nennt es wenigstens beim Namen.

Also schreibt, worüber ihr schreiben wollt. Und lasst andere schreiben, worüber sie schreiben wollen. Das Konzept nennt sich Meinungsfreiheit. Es funktioniert erstaunlich gut – jedenfalls solange man nicht versucht, sie ausschließlich für die eigene Meinung zu reservieren.

 


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


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