Energiepolitik
EU und Athen verurteilen türkisch-libysches Gas-Abkommen

Am Montag unterzeichneten die Türkei und Libyen eine Absichtserklärung, die es beiden Ländern erlaubt, in der ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ) im Mittelmeer nach Erdgasvorkommen zu suchen

Teilen

von Nabi Yücel

Am Montag unterzeichneten die Türkei und Libyen eine Absichtserklärung, die es beiden Ländern erlaubt, in der Ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ) im Mittelmeer nach Erdgasvorkommen zu suchen. Das stößt in der Europäischen Union wie auch Zypern und Griechenland auf starke Kritik.

Die von den Vereinten Nationen UN anerkannte libysche Regierung in Tripolis unterzeichnete am Montag eine Reihe von Wirtschaftsabkommen mit der Türkei, die eine potenzielle Energieexploration in den Meeresgebieten innerhalb der libyschen AWZ vorsehen. Ein gemeinsamer Schritt, der scharfe Kritik aus Europa wie auch aus Algerien hervorgerufen hat.

Das Abkommen hatte die griechische Regierung als „illegal“ abgetan, während die Europäische Union sowie Zypern von einem Abkommen sprechen, die keine Rechtsfolgen für Drittstaaten habe.

Die Absichtserklärungen beider Länder soll die bilaterale Zusammenarbeit betonen, erklärte der türkische Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu im Anschluss der Unterzeichnung vor Pressevertretern. Medienberichten zufolge wird mit dieser Absichtserklärung auch eine Möglichkeit geschaffen, Ankara an der Transsahara-Gaspipeline, die Nigeria mit Libyen verbindet, um Europa mit Erdgas zu versorgen, mit einzubeziehen. Das Projekt würde aber Algeriens ehrgeizige Pläne in dieser Hinsicht auf den Kopf stellen.

Während der Unterzeichnung in Tripolis erklärten Mevlüt Çavuşoğlu und die libysche Amtskollegin Nadschla al-Mangusch, sie seien zusammengekommen, um ein Abkommen zu unterzeichnen, die „beiden Ländern nutzen“ würde. Noch ist nicht klar, wann oder in welchem Umfang die Exploration in der „ausschließlichen Wirtschaftszone“ beginnen werden, die die Türkei und die frühere Regierung in Tripolis im Jahr 2019 den Weg geebnet haben.

Diese gemeinsame Wirtschaftszone sieht vor, dass sich die beiden Länder eine gemeinsame Seegrenze teilen, die die ausschließliche Wirtschaftszone markiert. Das wiederum wird von Griechenland und Zypern vehement abgestritten sowie von Ägypten und Israel kritisiert. Alle Länder hatten zuvor eine ausschließliche Wirtschaftszone im Mittelmeer als Grundlage genommen, um in den Gewässern vor Südzypern nach Gasvorkommen zu suchen. Dabei wurden die Türkei und Nordzypern nicht mit einbezogen.

Das griechische Außenministerium erklärte am Montag, Griechenland habe „souveräne Rechte in der Region, die es mit allen legitimen Mitteln zu verteidigen gedenke“.

„Jeder Verweis oder jede Handlung zur Umsetzung des (Grenzabkommens von 2019) wird definitionsgemäß illegal sein und je nach Schweregrad wird es sowohl auf bilateraler Ebene als auch auf Ebene der Europäischen Union und der NATO eine Reaktion geben.“

Ankara reagierte auf die Erklärung aus Athen und erklärte, „es spielt keine Rolle, was sie denken“. Das türkische Außenministerium ließ am Dienstag erklären, dass Äußerungen Griechenlands und der Europäischen Union (EU) zum neuen Abkommen der Türkei mit Libyen „keine Bedeutung oder keinen Wert“ hätten. Der Sprecher des türkischen Außenministeriums, Tanju Bilgic, fügte in einer Erklärung hinzu, dass Einwände gegen ein zwischen den beiden Staaten unterzeichnetes Abkommen nicht nur gegen internationales Recht, sondern auch im Widerspruch zu den Grundprinzipien der UN stehen würden.

Bilgic forderte die EU und ihre Mitgliedstaaten außerdem auf, ihre Grenzen oder Befugnisse nicht zu überschreiten und die Souveränität und Gleichheit der Staaten im Einklang mit dem Völkerrecht und den UN-Prinzipien zu respektieren. Çavuşoğlu zufolge hätten Drittstaaten zu diesem Thema nichts zu sagen und sich auch nicht einzumischen.

Libyen befindet sich seit einer von der NATO unterstützten Aufstand im Jahre 2011 im Bürgerkrieg. Seit Jahren ist das Land zwischen rivalisierenden Warlords und Milizen geteilt. Die Türkei war ein prominenter Unterstützer der von Premierminister Abdul Hamid Dbeiba geführten libyschen Regierung in Tripolis, die auch von den Vereinten Nationen anerkannt wird.

Ankaras Unterstützung für die Regierung der nationalen Einheit in Tripolis trug dazu bei, das Blatt des Bürgerkriegs in Libyen zu wenden. Durch die Versorgung der von Tripolis unterstützten Streitkräfte mit Beratern, Ausrüstung und Geheimdienstinformationen, konnte eine einjährige Offensivkampagne von General Chalifa Haftar, dem Kommandeur der Libyschen Nationalarmee (LNA) im Osten des Landes, vereitelt, die libysche Hauptstadt Tripolis verteidigt werden.

Im Jahr 2019 unterzeichnete die Türkei das umstrittene Abkommen über die gemeinsame Seegrenze mit der früheren libyschen Regierung in Tripolis, das ihr Zugang zur libyschen Wirtschaftszone im östlichen Mittelmeer gewährt. Das Abkommen, das die Seegebiete mehrerer griechischer Inseln, einschließlich Kreta, die zwischen der Türkei und Libyen liegen, berührt, hat die bereits bestehenden Spannungen der Türkei mit Griechenland, Zypern und Ägypten über Öl- und Gasbohrrechte neu entfacht.

Auch interessant

– Energiekrise –
Von der Leyen dankt Aserbaidschan für Gas

Laut EU-Chefin von der Leyen ist die neue Pipeline zwischen Griechenland und Bulgarien ein „Wendepunkt“, der der Region „Freiheit von Russland“ bringe.

Von der Leyen dankt Aserbaidschan für Gas

Auch interessant

Warum der „nützliche Migrant“ im Sport ein Trugschluss ist

Ein Gastkommentar von Aras Karasun Wer wirklich hofft, dass Menschen in Deutschland durch Fußball und den Migrantenanteil in der Nationalmannschaft, gemeinsames Feiern automatisch zusammenfinden, sollte...

Ex-US-Abgeordnete Greene: Israel bombardiert Christen

Washington – Mit einer schweren Anschuldigung gegen die israelische Regierung sorgt die prominente US-Politikerin Marjorie Taylor Greene für massives Aufsehen. Die Rechtspopulistin, die bis zu...

Sprachtest fürs Strandbad: Wenn Bürokratie und Ausgrenzung die Sicherheit ersetzen

Ein Gastkommentar von Susanne Mattner In einem Strandbad in Halle (Sachsen-Anhalt) werden Menschen ohne ausreichende Deutschkenntnisse künftig nicht mehr eingelassen. Die Begründung: Sicherheit. Badegäste müssten...

Meilenstein für den Islam in Deutschland: Erste Islamisch-Theologische Fakultät Europas entsteht in Münster

Münster / Berlin – An der Universität Münster wird Geschichte geschrieben: Zum 1. Juli nimmt an der dortigen Hochschule die europaweit erste eigenständige Islamisch-Theologische...

„Qantara“ – und das Schmusemärchen vom Zionismus

Ein Gastkommentar von Michael Thomas Da meldet sich jetzt bei Qantara die israelische, selbstbekennende Zionistin und Historikerin Fania Oz-Salzberger zu Wort und unterbreitet uns eine...

Headlines

„Qantara“ – und das Schmusemärchen vom Zionismus

Ein Gastkommentar von Michael Thomas Da meldet sich jetzt bei Qantara die israelische, selbstbekennende Zionistin und Historikerin Fania Oz-Salzberger zu...

NYC-Bürgermeister Zohran Mamdani erneuert scharfe Kritik an pro-israelischer Lobby AIPAC

New York - Der New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani hat seine deutlichen Worte gegen das American Israel Public Affairs...

Politsatire in der Türkei: Wenn der Bankräuber die interne Ermittlung leitet

Ein Gastkommentar von Nabi Yücel Es gibt politische Debatten, bei denen man sich fragt, ob man gerade einer Parteiversammlung, einem...

Wirtschaftsministerin Reiche: „Wir brauchen die Türkei“

Ankara / Berlin – Inmitten schwerer geopolitischer Verwerfungen setzt die Bundesregierung auf eine drastische Vertiefung der wirtschaftlichen und strategischen...

Meinung

„Qantara“ – und das Schmusemärchen vom Zionismus

Ein Gastkommentar von Michael Thomas Da meldet sich jetzt bei Qantara die israelische, selbstbekennende Zionistin und Historikerin Fania Oz-Salzberger zu Wort und unterbreitet uns eine...

Automobilbranche im Wandel: Trends und Entwicklungen

Die Automobilindustrie befindet sich in einer Phase tiefgreifender Veränderungen. Digitalisierung, Elektromobilität, nachhaltige Produktion und intelligente Assistenzsysteme verändern den Markt schneller als jemals zuvor. Hersteller...

The Economist: Erdoğan, Müslüman dünyasının en popüler politikacısı

Londra - Neredeyse iki milyar insandan oluşan devasa ve çeşitlilik arz eden bir topluluk olan küresel Müslüman topluluğu Umma/Ümmet içinde, birleştirici bir temsilci arayışı...

Rapor: Afrika Gençliği Ruh Sağlığında Dünya Lideri

Londra - Maddi refah, ruh sağlığının garantisi değil. Şubat 2026 sonunda yayımlanan yeni bir küresel rapor, zihinsel esenlik haritasını temelden sarstı. İngiltere, Japonya ve Yeni...

Odadaki Son Yetişkin Olarak Türkiye

Konuk Yazar Nabi Yücel Mevcut durumda Türkiye, Orta Doğu'nun – ve çok daha ötesinin – jeopolitik manzarasında neredeyse nesli tükenmekte olan diplomatik bir tür; yani...