Geschichte
Kreta: Nach Osmanen-Eroberung wurden alle orthodoxen Kirchen wieder eröffnet

Anhand des vorliegenden Fallbeispiels soll aufgezeigt werden, wie und mit welchen Mitteln die Insel Kreta an Griechenland angeschlossen wurde.

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Ein Gastbeitrag von Kemal Bölge– kboelge@web.de

Anhand des vorliegenden Fallbeispiels soll aufgezeigt werden, wie und mit welchen Mitteln die Insel Kreta an Griechenland angeschlossen wurde. Die Mittelmeerinsel Kreta entwickelte sich schon sehr früh zum Handelszentrum der Levante. Nach der byzantinischen Herrschaft eroberten im Jahre 823 n. Chr. die Araber die Insel, bevor es im Jahre 961 wieder von den Byzantinern zurückerobert wurde.

Es folgte die Herrschaft der Genueser, die die Insel später an die Venezianer verkauften. Die Venezianer bauten eine streng katholische Herrschaft auf und verboten die griechisch-orthodoxe Kirche. Unter der autoritären Herrschaft der Venezianer litt die einheimische Bevölkerung. Die Anfänge der Besiedlung Kretas durch die Türken sind in den Jahren um 1341 zu suchen. Eine Zunahme der Besiedlung seitens der Türken erfolgte ab 1567.

Beginn osmanischer Herrschaft war nicht durch Feindschaft gekennzeichnet

Die Eroberung Kretas durch die Osmanen geschah in mehreren Abschnitten. Sie eroberten zunächst einige Regionen und im Jahre 1669 schließlich die gesamte Insel. Wie zuvor in Zypern wurde die Eroberung Kretas durch die Osmanen von der griechischen Bevölkerung mit Freude aufgenommen. Mit der Eroberung durch das Osmanische Reich wurde alle orthodoxen Kirchen wieder eröffnet.

Diese Politik der Toleranz stellte keine Ausnahme dar, sondern war gängige Praxis im Osmanischen Reich. Zur osmanischen Herrschaft in Zypern betont Gürbey: „Der Beginn der osmanischen Herrschaft ist nicht durch Feindschaft gekennzeichnet, sondern befreit die Bevölkerung von ihrer politischen Unterdrückung und religiösen Verfolgung durch die katholischen Feudalherren sowie von der abendländischen Form ökonomischer Ausbeutung, der Leibeigenschaft.“1

Zur orthodoxen Kirche im Osmanischen Reich konstatiert Roberts: „Das orthodoxe Christentum überlebte und die griechische Kirche war unter der osmanischen Herrschaft toleriert.“2

Wirtschaftlicher Aufschwung Kretas bis Ende des 18. Jahrhunderts

Die Bedeutung der Insel Kreta war wegen ihrer strategischen Lage in politischer als auch in wirtschaftlicher Hinsicht enorm. Dies war ein Grund, warum sich viele Handwerker und Kaufleute in Kreta niederließen. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts erlebte die Insel einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung. Mit dem Erstarken des Nationalismus in Europa und der Destabilisierung im Osmanischen Reich zeichnete sich eine langsame wirtschaftliche Talfahrt ab. Im Zuge kam es zu Unruhen im ganzen Osmanischen Reich. Die Aufständischen wurden von ausländischen Mächten wie England, Frankreich und Russland unterstützt.

Zur politischen und militärischen Unterstützung aus Europa bemerkt McCarthy Folgendes: „Die bedeutsamste europäische Unterstützung für die Nationalisten war die militärische Unterstützung. Trotz der intellektuellen und wirtschaftlichen Ursachen für nationalen Separatismus ist es zweifelhaft, ob nationale Revolutionen so erfolgreich gewesen wären, wenn sie nicht die Unterstützung der europäischen Armeen gehabt hätten.“3

Mit Unterstützung des russischen Zaren wurden im Jahre 1796 die Untergrundorganisationen „Filiki Eterya“ und „Ethniki Eterya“ gegründet. Diese Organisationen hatten zum Ziel, die Megali-Idea zu verwirklichen, die die Vorstellung von einem größeren Griechenland unterstützte. 1821 begannen die Aufstände der Griechen mit Unterstützung der „philhellenisch gesinnten westlichen Welt“, bei denen zahlreiche Massaker an Türken verübt wurden.

Ein Beispiel hierfür ist das grauenvolle Massaker an der türkischen Bevölkerung (1821) in der Morea. Zu diesem Massaker und zum Bild der Türken in der westlichen Welt erklärt der britische Historiker Wheatcroft: „Die Türken waren verdammt als die Feinde der Menschlichkeit für ihre Behandlung der Griechen während des griechischen Unabhängigkeitskrieges (1821-9). Aber die 15.000 türkischen Männer, Frauen und Kinder, abgeschlachtet 1821 im südlichen Griechenland, wurden ignoriert: Der griechische Slogan ‘Nicht ein einziger Türke in der Morea soll übrigbleiben’, war eine Verordnung für den Völkermord.“4

Parallel zu den Massakern in der Morea, rief 1821 der Erzbischof der orthodoxen Kirche in Zypern, Kiprianos dazu auf, „alle Türken zu vernichten.“ Auch auf Kreta griffen griechische Banden die dort lebenden Türken an und ermordeten Tausende von ihnen. 1827 verloren die Osmanen die Seeschlacht bei Navarino (Südwestmorea) gegen die Flotten aus England, Frankreich und Russland.

Ein Jahr später erklärte Russland des Osmanischen Reich den Krieg und 1830 wurde das Londoner Protokoll unterzeichnet, bei dem Griechenland unter dem Schutz der westlichen Mächte die Unabhängigkeit zugesprochen bekam und auf Betreiben eben dieser Mächte wurde 1832 Bayernprinz Otto von Wittelsbach von der griechischen Nationalversammlung zum König gewählt.

Orthodoxe Kirche spielte bei Aufständen zentrale Rolle

Bei den Aufständen der Griechen spielte die orthodoxe Kirche eine zentrale Rolle. Bei einem weiteren Angriff griechischen Nationalisten 1866 auf die Kleinstadt Selino (Kreta) wurde alle Einwohner muslimischer Herkunft mit einer unglaublichen Brutalität getötet. Eine Reaktion zu diesen Massakern blieb seitens der westlichen Mächte aus. Die gut organisierten griechischen Propagandaorganisationen in Europa erklärten vor der Öffentlichkeit, dass ihre „christlichen Glaubensbrüder von den Türken umgebracht“ würden. Das damalige Osmanische Reich war überhäuft mit Problemen und war folglich auch zu schwach, um innere Reformen einleiten zu können. Sicherlich sind diese Faktoren nicht die einzigen, um eine genauere Erklärung für den Niedergang des Osmanischen Reiches zu finden.

Die Ereignisse in Kreta erinnern zwangsläufig an die Geschehnisse ab 1963 in Zypern, bei dem die Zyperngriechen mit Gewalt versucht haben, die Insel an Griechenland anzuschließen (Enosis). Einst hatte Kreta (1760) schätzungsweise 200.000 türkische und ca. 60.000 christliche Einwohner. Im Zuge der Massaker an den Türken wanderten viele aus und innerhalb von 40 Jahren schrumpfte ihre Zahl auf etwa 33.000. Die wenigen Türken, die im Jahre 1909 noch lebten, wanderten entweder aus, sofern sie dies noch konnten oder wurden umgebracht. Im gleichen Jahr wurde Kreta an Griechenland angeschlossen. Heute leben auf Kreta keine Türken mehr und keiner mag wohl anzweifeln, dass Kreta eine griechische Insel ist.


Dieser Gastbeitrag gibt die Meinung des Autors wieder und stellt nicht zwingenderweise den Standpunkt von nex24 dar.


1 Vgl. Gürbey, Gülistan, Zypern – Genese eines Konflikts (1988), S. 13.
2 Vgl. Roberts, J.M., History of Europe (1996), S. 212.
3 Vgl. McCarhty, Justin, The Ottoman Turks, An Introduction History to 1923 (1997), S. 207.
4 Vgl. Wheatcroft, Andrew, The Ottomans Dissolving Images (1993), S. 165.


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