Analyse
Kommentar: Was macht die türkische Wirtschaft so stark?

Die Türkei hat in den letzten 15 Jahren etwas sehr bemerkenswertes geschafft – Stück für Stück wurde das Interesse an unternehmerischer Tätigkeit in mitten der türkischen Bevölkerung geweckt was im Gegenzug zum Erblühen einer sehr starken Mittelschicht führte. Ein Kommentar.

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Von Klaus Jurgens

Vor kurzem korrigierte die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD), die in London zu Hause ist, ihre Wirtschaftsprognose für die Türkei.

Nach oben – sie geht nunmehr von einem 5.1 prozentigem Anstieg für das laufende Jahr 2017 aus, verglichen mit 3.2 Prozent in 2016.

In ihrem Bericht vom 7. November dieses Jahres wurden die ökonomischen Daten für die 37 Staaten bewertet, in denen die EBRD aktiv ist. Das Durchschnittswachstum für 2017 liegt bisher bei 3.3 Prozent, also auch hier ein klares „Plus“ für die Türkei mit ihren 5.1 Prozent.

Für 2018 schätzt die Bank, dass es moderater zugeht – 3.5 Prozent sind angesagt. Allerdings sind diese etwas schlechteren Zahlen noch mit Vorsicht zu genießen; auch für das laufende Jahr musste die EBRD ihre ursprünglichen Werte, die im Mai herausgegeben wurden, sehr stark nach oben anpassen. Es gibt also noch viel Luft, um vielleicht die 5.1 Prozent vom Jahr 2017 auch im Folgejahr verbuchen zu können.

Der Bericht erwähnt vor allem die clevere Politik der türkischen Zentralbank und eine ebenso gut vorausgeplante Investitions-Stimulus-Politik der Regierung in Ankara – beides führt natürlich zu vermehrter Investitionstätigkeit.

Aber auch gesamtwirtschaftlich im ganzen EBRD-Raum müssen nicht nur einzelstaatliche Faktoren mit einbezogen werden:

Sergei Guriev, Chef-Ökonom bei der EBRD, stellt fest, dass eine langfristige Machbarkeit des Wachstums sichergestellt werden kann, wenn notwendige Reformen angepackt werden.

Darüber hinaus sei das Exportvolumen angestiegen, das Investitionsklima im generellen Sinne im EBRD Raum wieder positiv und auch der Rohstoffmarkt mittels stabilerer Preise helfe den Marktwirtschaften, wieder gesündere Wachstumsresultate einzufahren.

Türkische Mittelschicht Garantie für wirtschaftlichen Erfolg, Stabilität

Kommentatoren sollten aber noch etwas anderes berücksichtigen:

Die Türkei hat in den letzten 15 Jahren etwas sehr bemerkenswertes geschafft – Stück für Stück wurde das Interesse an unternehmerischer Tätigkeit inmitten der türkischen Bevölkerung geweckt, was im Gegenzug zum Erblühen einer sehr starken Mittelschicht führte.

Der Staat begann, sich eher nur noch diskret einzumischen und ließ unternehmerischem Esprit in wirtschaftspolitischen Fragen oft den Vorrang.

Zusammen mit einer großen Privatisierungswelle wurde die gesamte türkische Ökonomie umgebaut und in eine richtig funktionierende, moderne Marktwirtschaft geformt.
Die Türkei entwickelte sich in den letzten 15 Jahren zu einem Hersteller von Top-Produkten in allen Bereichen, seien es Textilien oder elektronische Endprodukte. Forschungsgelder wurden erhöht, Unternehmer ermutigt, auch einmal ein Risiko einzugehen.

Arbeitskräfte werden viel besser ausgebildet und der Verbraucher ist es jetzt gewohnt, für einen fairen Preis die beste Qualität angeboten zu bekommen.

Und genau diese Mischung aus besonnener Regierungspolitik und starkem Mittelstand machte eine wenn auch ökonomisch eher konservativ ausgerichtete, aber langfristig umso erfolgreichere Wirtschaftsentwicklung erst möglich, die auch so manche globale Krise bestens überstand.

Jetzt sagt auch die EBRD ein Wachstum von über fünf Prozent voraus – anscheinend übertrifft die Türkei wieder einmal alle Erwartungen. Für mich als Beobachter, der die meisten der letzten 15 Jahre vor Ort mit dabei war, nicht überraschend, sondern einfach nur hoch erfreulich.

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Klaus Jurgens – London School of Economics Postgraduate Degree Government. Vormals Uni-Dozent Ankara, Schwerpunkt BWL und KMU. Über zehn Jahre vor Ort Erfahrung Türkei. Zur Zeit wohnhaft in Wien. Politischer Analyst und freiberuflicher Journalist.

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