USA
Ex-US-Oberst Rich Outzen: „Türkisch-islamische Synthese hat die Türken zusammengeschweißt“

Der ehemalige Oberst der U.S. Army Rich Outzen, hat sich in einem Beitrag mit der politischen Entwicklung der Türkei unter Präsident Recep Tayyip Erdogan befasst.

Teilen
Washington (nex/eurasia) – Der ehemalige Oberst der U.S. Army und Senior Military Fellow am Institut für Nationale Strategische Studien (INSS) an der Nationalen Verteidigungsuniversität (NDU), Rich Outzen, hat sich in einem umfangreichen Beitrag für das Portal „War On The Rocks“ mit der politischen Entwicklung der Türkei unter Präsident Recep Tayyip Erdogan befasst.Dabei hat er die wohlfeil gewordene Kritik an Erdogan und dessen politischem Kurs, wie sie innerhalb der politischen Eliten auch der USA zunehmend Platz greift, als verkürzt und nicht selten von Halbwissen geprägt dargestellt. Er wirft Erdogans Kritikern vor, dessen Islamismus (den er eher für instrumentell denn für charakterimmanent hält) überzubewerten und die Rolle innenpolitischer und außenpolitischer Faktoren zu unterschätzen, die jeweils eine destabilisierende Wirkung entfaltet hatten, die sowohl die innenpolitische Situation der Türkei als auch den regionalen Kontext über die Jahre verändert hätten.Tatsächlich habe sich die Türkei unter Erdogan zuvorderst dem Zynismus und der Kraftmeierei angepasst, die sich schon im 20. Jahrhundert als Regelfall auch unter den Verbündeten und Feinden des Landes in der Region als Normalität gezeigt hätten und die immer noch eine bedeutsame Rolle spiele.Gemessen an der Dynamik der Entwicklungen hätten Erdoğan und sein innerer Kreis, aus dem heraus nicht zuletzt der frühere Außenminister und heutige Premierminister Ahmet Davutoglu genannt sein solle, eine sehr anpassungsfähige und pragmatische Politik betrieben. Auch der Wandel vom muslimischen Demokraten zum religiösen Nationalisten, der sich zunehmend seit 2013 vollzogen habe und ihn zunehmend mit dem nationalistischen Lager zu versöhnen scheint, sei nicht zuletzt auch der politischen Großwetterlage in der Region geschuldet.Gegenüber Syrien habe Erdogan bereits 2002 ein neues Kapitel aufgeschlagen und nach Jahrzehnten des wechselseitigen Argwohns zwischen Ankara und Damaskus ein enges, fast freundschaftliches Verhältnis zum syrischen Präsidenten Bashar al-Assad entwickelt. Dieses endete erst mit der Niederschlagung von Demonstrationen im Jahre 2011, die den Beginn des späteren Bürgerkrieges markiert hatten.Zwischen 2003 und 2011 baute man ein kooperatives Verhältnis zur Kurdischen Regionalregierung (KRG) im Nordirak auf, Ankara bemühte sich um ein intaktes Einvernehmen mit der schiitisch dominierten Zentralregierung in Bagdad und leitete 2012 sogar gegen massive politische Widerstände einen Friedensprozess mit der PKK ein, der allerdings mittlerweile in Trümmern liegt.Im Grunde haben sich demnach also sowohl Erdogan um eine weitsichtige Politik des Ausgleichs bemüht, die den Westen nicht zurückwies, aber gleichzeitig auch die Verbindungen in den Osten und in die islamische Welt nicht abreißen ließ, sondern wiederbelebte.Eine Veränderung in der Ausrichtung der türkischen Politik hätten jedoch die Ereignisse des Jahres 2013 und 2014 herbeigeführt. Dazu zählte die für die Türkei enttäuschende Entscheidung der USA, nach dem zweifelhaften Giftgasangriff von Ghouta einen raschen 180°-Schwenk zu vollziehen und die geplante Militäroperation zum Sturz Assads doch nicht durchzuführen. Nachdem die USA in der Anfangsphase des syrischen Bürgerkrieges sogar eine stillschweigende Vereinbarung gepflegt hatten, die Rebellen zu bewaffnen, ließ diese Form von Rückzieher vonseiten Washingtons Vertrauen zerbrechen.


Mehr zum Thema:
USA: Verteidigungsminister gibt Verbindung zwischen PYD/YPG und PKK zu

Dazu kamen innenpolitische Entwicklungen wie die Putschversuche durch gewalttätige Ultrasäkularisten 2013 im Zuge der Gezi-Krawalle im Sommer sowie im Dezember desselben Jahres durch Angehörige der Polizei und Justiz, die offenbar auf Geheiß des Predigers Fethullah Gülen einen Parallelstaat gebildet hatten und auf institutionellem Wege von innen heraus den Staatsstreich probten. Dazu kam die Erkenntnis, dass die PKK mitnichten an Abrüstung dachte, sondern parallel zu den Friedensverhandlungen ihre Arsenale wiederauffüllte. In Syrien gewann gleichzeitig die extremistische Opposition auf Kosten der moderateren an Boden, während die Türkei sich angesichts gemeinsamer Bemühungen der USA und Russlands, den Syrienkonflikt beizulegen, zunehmend isoliert fühlte.Ein Rückgriff auf die in den späten 1970er Jahren entwickelte Idee von der „türkisch-islamischen Synthese“ kam da gerade recht, um die türkische Gesellschaft zum Zusammenrücken gegen Bedrohungen von innen und außen zusammenzuschweißen.Trotz einiger Rückschläge hat sich die türkische Strategie als erfolgreich erwiesen. Die Türkei ließ sich nicht selbst in den syrischen Bürgerkrieg hineinziehen, die Wirtschaft und die innenpolitische Lage blieben trotz eines schwierigen Umfelds stabil und die Türkei zeigt ein klares außenpolitisches Profil.Allerdings bleiben drei Aspekte übrig, die Handlungsbedarf begründen. Zum einen hatte man eine gewisse Naivität gezeigt, als man offenbar angenommen hatte, dass der Rest der Welt, vor allem die Großmächte, die regionalpolitischen Einschätzungen der Türkei für ebenso pragmatisch und ausgewogen halten würden wie diese selbst. Im Zusammenhang mit dem Arabischen Frühling habe man zudem die realen Machtverhältnisse in den Ländern falsch eingeschätzt. Und die Frage der bürgerlichen Freiheiten im eigenen Land sei immer noch nicht in einer befriedigenden Weise beantwortet, so Outzen.Erdogan und die AKP haben jetzt erst einmal bis 2019 und – sollte nichts Unvorhergesehenes geschehen – wohl auch darüber hinaus an diesen Baustellen zu arbeiten. Für die Verbündeten mag die Türkei ein schwieriger Partner sein, aber er ist auch verlässlich und berechenbar, nicht zuletzt im Unterschied zur Türkei früherer Jahre.Die Chancen der Türkei liegen nun in einer Friedenslösung für Syrien, wobei sich die USA mit der Türkei bezüglich des Schutzes der sunnitischen Bevölkerungsteile verständigen sollte, was im Gegenzug die Türkei eher bereit machen würde, einen Dialog mit der PYD zu beginnen – deren Abhängigkeit von der PKK und Moskau auch in Washington Kopfzerbrechen bereitet.Gleichzeitig könnte eine Normalisierung des Verhältnisses der Türkei zu Israel ebenso wie jenes zu Ägypten die Rolle Ankaras als regionalen Stabilisators weiter stärken. Die Türkei habe, so heißt es zum Ende der Analyse, auch ein klares Eigeninteresse an einem solchen Vorgehen: Ein Unterlassen würde unweigerlich die Rolle Assads, Moskaus und Teherans in der Region stärken.

 


Erschienen bei unserem Kooperationspartner Eurasianews

Auch interessant

Riskierte Israel bewusst eine militärische Eskalation mit der Türkei?

Ein Gastkommentar von Nabi Yücel Der israelische Luftangriff auf den syrischen Stützpunkt Abu al-Duhur war offenbar weit mehr als ein gewöhnlicher Schlag gegen syrische Infrastruktur....

Vorsorge, Facharzt, Krankenhaus: Worauf es bei einer guten Krankenversicherung ankommt

Eine Krankenversicherung soll im Ernstfall eine möglichst gute medizinische Versorgung ermöglichen. Trotzdem konzentriert sich der Vergleich verschiedener Tarife häufig zunächst auf den monatlichen Beitrag.   Dabei...

Präsident Al-Scharaa bezahlt erstmals mit Visa-Karte

Damaskus - In einem symbolträchtigen Akt hat Syriens Präsident Ahmad al-Scharaa in einem Café in der Altstadt von Damaskus eine Tasse Kaffee mit einer...

CBD Produkte im Überblick: Moderne Hanf-Extrakte und bewährte natürliche Alternativen

Der Markt rund um Cannabidiol ist in den vergangenen Jahren enorm gewachsen – von klassischen Ölen bis hin zu CBD Zigaretten als Alternative zu herkömmlichen Tabakprodukten...

Thomas: „Antike Heimat-Ansprüche Israels sind rechtlich unwirksam“

Ein Gastkommentar von Michael Thomas  Es ist höchste Zeit, Tacheles zu reden. Denn eines ist in all den zurückliegenden Jahren, nachdem der Teilungsplan 1947 zur...

Headlines

Präsident Al-Scharaa bezahlt erstmals mit Visa-Karte

Damaskus - In einem symbolträchtigen Akt hat Syriens Präsident Ahmad al-Scharaa in einem Café in der Altstadt von Damaskus...

Riskierte Israel bewusst eine militärische Eskalation mit der Türkei?

Ein Gastkommentar von Nabi Yücel Der israelische Luftangriff auf den syrischen Stützpunkt Abu al-Duhur war offenbar weit mehr als ein...

Michael Thomas: „Parallelen zwischen Israel und Deutschland unter Hitler“

Ein Gastkommentar von Michael Thomas Der jüngste Ausfall vom israelischen „Sicherheitsminister“ Itamar Ben-Gvir beschreibt den Zustand Israels genauer und zeigt,...

Papst Leo XIV. verurteilt erneut Siedlergewalt

Vatikan - Der internationale Druck auf die israelische Siedlungspolitik und die ausufernde Gewalt extremistischer Siedler im besetzten Westjordanland erreicht...

Meinung

Präsident Al-Scharaa bezahlt erstmals mit Visa-Karte

Damaskus - In einem symbolträchtigen Akt hat Syriens Präsident Ahmad al-Scharaa in einem Café in der Altstadt von Damaskus eine Tasse Kaffee mit einer...

Thomas: „Antike Heimat-Ansprüche Israels sind rechtlich unwirksam“

Ein Gastkommentar von Michael Thomas  Es ist höchste Zeit, Tacheles zu reden. Denn eines ist in all den zurückliegenden Jahren, nachdem der Teilungsplan 1947 zur...

Wall Street Journal: Türkiye’nin durdurulması gerekiyor

Konuk Yazar: Özgür Çelik Bradley Martin tarafından kaleme alınan ve 4 Mart 2026 tarihinde Wall Street Journal'da yayımlanan "Türkiye'yi Dizginlemek İçin Acil Bir İhtiyaç" (An...

Geleceğin Cumhurbaşkanı: Hakan Fidan

Polat Karaburan Recep Tayyip Erdoğan, yarım asrı aşkın bir süredir Türkiye’nin siyasi hayatına yön veriyor. 1976 yılında merhum Necmettin Erbakan’ın siyasi hareketinde filizlenen bu yolculuk,...

Odadaki Son Yetişkin Olarak Türkiye

Konuk Yazar Nabi Yücel Mevcut durumda Türkiye, Orta Doğu'nun – ve çok daha ötesinin – jeopolitik manzarasında neredeyse nesli tükenmekte olan diplomatik bir tür; yani...