Neue Grenzen ziehen
Barzani: „Sykes-Picot ist am Ende“ – Kurdenstaat muss gegründet werden

Im Interview mit dem „Guardian“ forderte KRG-Präsident Masoud Barzani eine Neufestlegung der Grenzen im Nahen Osten – mit seinem Gebiet als „Kurdistan“. Das Sykes-Picot-Abkommen, in dem vor 100 Jahren Großbritannien und Frankreich Teile des früheren Osmanischen Reiches unter sich aufgeteilt hatten, sei gescheitert.

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Erbil (nex) – Der Präsident der Kurdenregion im Nordirak (KRG), Masoud Barzani, hat die politischen Führer der Welt dazu aufgerufen, sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass ihre willkürliche Grenzziehung infolge des Sykes-Picot-Abkommens keine Zukunft habe. Ihr Konzept für den Mittleren Osten sei gescheitert.

Darüber hinaus rief er die Weltmächte dazu auf, eine neue Gesamtlösung für die Region auf dem Verhandlungswege anzuvisieren, die unter anderem auch einen kurdischen Staat umfassen soll. Barzani erklärte, es zeichne sich ab, dass der Irak und Syrien nie wieder zu Einheitsstaaten werden würden und dass die „erzwungene Koexistenz“ im Rahmen willkürlich gezogener Grenzen ein Fehler gewesen wäre.

„Ich denke, dass die Führer der Welt im Innersten denken, dass die Sykes-Picot-Ära vorüber ist“, erklärte Barzani gegenüber dem „Guardian“. „Ob sie es sagen oder nicht, akzeptieren oder nicht, die Realität auf dem Boden sieht so aus. Aber wie Sie wissen, sind Diplomaten konservativ und geben ihre Einschätzungen immer erst in der späten Phase einer Entwicklung ab. Und manchmal werden sie von diesen sogar überrollt.“

Seit dem Vormarsch der Terrormiliz IS (Daesh) innerhalb des Irak im Juni 2014, als die Extremisten die Millionenstadt Mosul überrannten, hat sich die politische Landkarte des Landes stark verändert. Kurdische Peshmerga haben die Kontrolle über Kirkuk und Sindschar übernommen und kontrollieren nun ein mehrere tausend Quadratkilometer großes Territorium.

Vier Monate vor dem 100-Jahr-Jubiläum des Sykes-Picot-Abkommens, in dem Großbritannien und Frankreich die eigenen Einflusssphären im zerschlagenen Osmanischen Reich untereinander aufteilten, erklärt nun Barzani, es würde zu weiterer regionaler Desintegration und Zerstörung führen. Barzani sprach im „Guardian“ auch über eine Unabhängigkeit als Schwerpunkt kurdischer Ambitionen, und dass diese – obwohl alle Staaten mit kurdischen Minderheiten eine solche vehement ablehnen – „jetzt näher ist als je zuvor“.

Die Souveränität eines Kurdenstaates auf dem Gebiet der heutigen Autonomieregion im Irak würde auch Ländern, die der Gedanke an einen solchen Staat ängstigen würde, Klarheit geben. Im Laufe der letzten zehn Jahre hatte sich das Verhältnis zwischen der Regionalregierung in Erbil und der Zentralgewalt in Bagdad immer stärker verschlechtert.

Steine des Anstoßes waren unter anderem die Verwertung des Öls aus der KRG – die zur Folge hatte, dass Bagdad Erbil wiederholt die Anweisung von Haushaltsmitteln verweigerte – und die Einnahme des multinationalen Kirkuk durch kurdische Peshmerga, die dazu führte, dass die Erdölpipelines aus der Stadt in Richtung Türkei umgeleitet wurden.

An die Stelle der bisherigen Ordnung sollen Barzani zufolge Vereinbarungen treten, welche die entstandenen Realitäten sozialer und konfessioneller Spaltung anerkennen, aber einen Modus vivendi finden, in denen ein Versöhnungsprozess und ein konstruktives Miteinander möglich wäre. Die Autonome Kurdenregion werde in diesem Zusammenhang als Stabilitätsfaktor wirken, wie man das auch in den vorangegangenen 15 Jahren gemacht habe.

Über die Türkei, die ein langjähriger Verbündeter der KRG ist, sagte deren Präsident: „Wir haben nicht mit der Türkei darüber gesprochen, ob sie das akzeptiert oder nicht. Ich glaube auch nicht, dass sie etwas dagegen hätte. Es ist unser nationales Recht. Wir sind keine Gefahr für irgendjemanden, aber wir fragen auch niemanden, ob wir unsere Rechte ausüben dürfen.“

Die Situation habe sich in markanter Weise verändert, so Barzani. „Früher war es in der Türkei verboten, Worte wie ‚Kurden‘ oder ‚Kurdistan‘ zu verwenden, aber als ich im letzten Monat dort war, hing die Kurdistan-Flagge im Präsidentenpalast.“ Barzani sei bewusst, dass eine große Bürde auf ihm laste, aber „es ist eine heilige Verantwortung“.

 

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