Start Panorama Gesellschaft Merhaba & Mahlzeit Tolga Özgül: „Auf der Straße ist die Herkunft egal“

Merhaba & Mahlzeit
Tolga Özgül: „Auf der Straße ist die Herkunft egal“

NEX24 Interview mit dem Gründer der Wohltätigkeitsorganisation „Merhaba & Mahlzeit“ Tolga Özgül

Tolga Özgül (2.v.l.) während der Kebap Alaaf Aktion von „Merhaba & Mahlzeit“ mit Christian Joisten, SPD Köln Vorsitzender (3.v.r.). Bei der Aktion wurden 500 Döner Kebap, Ayran und ca. 30 Kg Baklava an Hilfsbedürftige verteilt.
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Köln – Um das Leid der Hilfsbedürftigen in Köln und anderswo etwas zu lindern, gründete der 38-jährige Kölschtürke Tolga Özgül 2019 in Köln die Hilfsorganisation Merhaba & Mahlzeit. Der Verein hat in zahlreichen Städten wie Köln, Bonn, Duisburg, Hagen, Kassel, Hanau, Frankfurt, Stuttgart, Karlsruhe, Mannheim und Hannover mittlerweile Ableger und verteilt mit Unterstützung lokaler Gaststätten warme Mahlzeiten an die Obdachlosen. NEX24 sprach mit Özgül in Köln.

NEX24: Sehr geehrter Herr Özgül, würden Sie sich kurz vorstellen?

Tolga Özgül: Merhaba, ich heiße Tolga Özgül und bin 38 Jahre alt. Ich komme aus der schönen Karnevalsstadt Köln. Ich habe einen türkischen Background und fühle mich als ein kölscher Türke. Mein Vater stammt aus der westanatolischen Stadt Uşak. Meine Familie ist Angehöriger der Yörük (Angehörige von oghusisch-türkischen Nomadenstämmen, die heute hauptsächlich in Süd- und Westanatolien leben. Anm. d. Red.). Ich lebe und denke in beiden Kulturen. Mein Leben und mein Handeln sind geprägt davon. So auch der Verein, den ich gründete.

NEX24: Herr Özgül, wie sind Sie auf die Idee gekommen eine Hilfsorganisation zu gründen?

Stellen Sie sich vor, dass Sie durch einen schweren Schicksalsschlag Ihren Beruf verlieren, allein sind, keinen Rat einholen können, weil sie zu sehr mit sich selbst beschäftigt und obdachlos werden. Wie würden Sie es sich wünschen, dass man mit Ihnen umgeht? Wie gehen Sie mit Menschen mit solch Lebensverlauf um? Das sind Fragen, die ich mir gestellt habe.

NEX24: Was genau macht ihre Organisation und was unterscheidet Sie von anderen Einrichtungen?

Merhaba & Mahlzeit möchte mit verschiedenen Aktionen, wie z. B. Versorgungsgängen, den Obdachlosen die Einsamkeit nehmen, ein offenes Ohr schenken und wenigstens eine warme Mahlzeit. Die Ausgrenzung und daraus resultierende Ignoranz der Gesellschaft ist eine harte Bürde, welche nicht sein darf. Merhaba & Mahlzeit sieht sich als kultureller Brückenbauer und engagierter Verein, welcher gesellschaftlich den Ausgegrenzten und finanziell Benachteiligten eine Plattform bieten möchte.

Wir möchten nicht den Fokus auf Unterschiede setzen, sondern eben das Gegenteil in den Fokus bringen. Gemeinsamkeiten erhalten die Gesellschaft und das Gegengift gegen das Gift des Rassismus und herrschende Diskriminierungserfahrung von Minderheiten. Dafür steht unser Verein und wir begrüßen jeden Verein, welcher die Gesellschaft fördern möchte und den Benachteiligten eine Plattform sowie Stärkung in jeglicher Form bietet.

NEX24: Hat sich die Situation der hilfsbedürftigen Menschen aufgrund der Pandemie verschlechtert?

Die Situation hat sich dahingehend verschlechtert, da in schweren Lebenslagen der Mensch egoistisch wird und Hilfe weniger anbietet. Die BürgerInnen waren zum Teil in Lockdowns und somit konnten Hilfsbedürftige niemanden um Hilfe fragen und wurden in ihrer Bedürftigkeit allein gelassen.

Dazu kommen die Maßnahmen, welche auch Hilfsbedürftige erfüllen mussten und sich nicht selbst leisten können bzw. konnten. Zum Beispiel eben MNS-Masken als Pflicht oder Desinfektionsmittel zum Eigenschutz erwerben. Dieses Problem sind wir durch Sponsoren angegangen und haben in unseren Versorgungsgängen entsprechende Artikel mit verteilt.
Man ist also einem höheren Risiko ausgesetzt und dazu gesellschaftlich auch ausgegrenzt.

NEX24: Sie sind nicht nur in Deutschland vertreten, sondern haben auch Vertretungen in der Türkei. Welche Projekte unterstützen Sie dort?

Wir haben mit unseren Vertretungen in der Türkei unter anderem am 27.10.2020 in unserem Projekt Schmetterlingskinder in Istanbul Spenden für Betroffene gesammelt. Schmetterlingskinder sind Menschen, welche aufgrund eines Gendefekts der Hautkrankheit Epidermolysis bullosa (EB) erliegen. Dieser Gendefekt macht die Haut so empfindlich wie Schmetterlingsflügel, sodass schon durch sanfte Berührungen oder unachtsame Bewegungen schmerzhafte Blasen entstehen.

Am 29.10.2020 haben wir in einer Spielzeug-Aktion per LKW-Spielsachen von Köln nach Istanbul transportieren lassen, damit Flüchtlingskinder vor Ort ein stückweit mehr Kinder sein und wieder Spiele spielen können. Aufgrund des starken Erdbebens in Izmir sind wir am 18.12.2020 aktiv geworden und haben Hilfsaktionen organisiert und umgesetzt. Die Umsetzung beinhaltete Essen- und Kleiderausgabe sowie Übernachtungshilfe.

NEX24: Gibt es noch Projekte, die Sie für die Zukunft planen?

Schon in naher Zukunft planen wir Projekte für Schmetterlingskinder in Istanbul und für Grundschüler in zentral -und Osttürkei. Im Mittelpunkt dieser Projekte steht das Thema Bildung, Umwelt und Gesundheit. Gemeinsam – mit Grundschülern in der Türkei – werden wir Bäume pflanzen und etwas für den Klimaschutz tun.

Unsere Versorgungsgänge werden wir in Deutschland auf weitere Städte ausweiten. Unser Ziel ist es, in Mannheim, Stuttgart, Hagen, Köln, Hannover und Frankfurt am Main unsere Versorgungsgänge auf weitere Stadtgebiete zu erweitern. Fertigstellung einer Grundschule in Nordsyrien. Wir möchten Kindern wieder ermöglichen, die Schule zu besuchen, was ihnen seit Beginn des Krieges in Syrien nicht möglich ist.

NEX24: Sie helfen obdachlosen Menschen, unabhängig von Ihrer Nationalität oder ethnischen Herkunft. Wie sind die Reaktionen dazu?

Die Tragik der einzelnen Schicksale überlagert diesen Gedanken im Grundsatz. Jedoch sind die Reaktionen in der Regel positiv und weckt das Verständnis, dass wir alle gleich sind. Auf der Straße ist die Herkunft egal.

NEX24: Wir danken für das Gespräch!

Das Interview führten Kemal Bölge und Polat Karaburan

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