Buchvorstellung
Srebrenica. Kein Vergessen. Kein Vergeben: Der Bericht eines Überlebenden

Am Gedenktag des Genozids von Srebrenica am 11.Juli 2021 ist das Buch „Srebrenica. Kein Vergessen. Kein Vergeben“ erschienen. Das Buch ist ein wichtiges Zeugnis über die Geschehnisse in und um Srebrenica in den Jahren 1992-1995 und bietet Erzählungen aus erster Hand eines Überlebenden des Genozids aus dem Juli 1995.

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Von Yasin Baş

Am Gedenktag des Genozids von Srebrenica am 11.Juli 2021 ist das Buch „Srebrenica. Kein Vergessen. Kein Vergeben“ erschienen. Das Buch ist ein wichtiges Zeugnis über die Geschehnisse in und um Srebrenica in den Jahren 1992-1995 und bietet Erzählungen aus erster Hand eines Überlebenden des Genozids aus dem Juli 1995.

Der Völkermord von Srebrenica gilt in Europa als größtes Verbrechen seit Ende des Zweiten Weltkriegs

Am 11. Juli 1995 versuchten serbische Milizen unter dem Kommando von General Ratko Mladic die Ortschaft Srebrenica, die zuvor im Frühjahr 1993 vom UN-Weltsicherheitsrat zu einer „Schutzzone“ erklärt wurde, einzunehmen. Die dort anwesenden holländischen UN-Blauhelmsoldaten, die zum Schutz der dorthin geflüchteten Zivilbevölkerung eingesetzt waren, überließen das Feld kampflos den serbischen Einheiten.

Die serbischen Schergen erlaubten zwar Frauen und Kindern in Bussen und LKWs die Durchreise in die von der bosnischen Armee kontrollierten Gebiete. Allerdings wurden über 8.300 bosnische Männer und Jungen durch die niederländischen UN-Blauhelmsoldaten an die serbische Armee übergeben. Sie wurden mit Lastwagen nach Bratunac gefahren und dort zwischen dem 14. und 17. Juli 1995 von den Truppen Mladics in Waldgebieten, Fabriken und Lagern bestialisch ermordet und anschließend in Massengräber verscharrt. Etwa 15.000 Männer flohen in die umliegenden Berge und Wälder rund um die Stadt. Die serbischen Milizen verfolgten sie jedoch und ermordeten weitere 6.000 von ihnen.

Das größte Versagen der UN und Europas

Der Völkermord von Srebrenica gilt in Europa als eines der schlimmsten Verbrechen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, in der das Versagen Europas und der internationalen Staatengemeinschaft allzu deutlich wurde. Auch nach fast 30 Jahren ist es noch immer nicht gelungen, die Leichname von etwa 1.000 Opfern des Genozids zu finden.

Das Buch „Srebrenica: Kein Vergessen. Kein Vergeben”

Der Autor Hasan Hasanovic, Jahrgang 1973, stammt aus einem Dorf um Srebrenica. 1991 desertierte er aus der jugoslawischen Volksarmee und kehrte nach Srebrenica zurück, wo er sich der im Entstehen befindlichen bosnischen Armee anschließt. 1993 stirbt sein Vater an Hunger, im gleichen Jahr heiratet Hasan und kurze Zeit später wird er Vater eines Sohnes, der in belagerten Stadt auf die Welt kommt.

Die ganze Zeit lebt die Bevölkerung unter Granatenbeschuss, zahlreiche bosniakische Flüchtlinge aus der Umgebung fliehen nach Srebrenica. Die Lage wird unerträglich. Im Juli 1995 nehmen die Serben die Stadt ein. Seine Mutter, seine Frau und sein Sohn flüchten in die niederländische UN-Basis. Hasan macht sich zusammen mit seinen Brüdern Hajro und Hasib auf den Weg durch die Wälder, um das freie bosnische Territorium zu erreichen.

Leider werden seine beiden Brüder dabei getötet; am Anfang der Flucht sein Bruder Hajro und kurz vor dem Ziel auch sein Bruder Hasib. Hasan lässt ihn nicht liegen, sondern trägt den Leichnam seines toten Bruders Hasib weitere 20 km, um das Versprechen einzuhalten, welches er seiner Mutter gegeben hat – dass mindestens zwei ihrer Söhne die Freiheit erlangen werden. Hasib Hasanovic wird somit das erste namentlich erfasste und begrabene Opfer des Srebrenica-Genozids sein. Hasan Hasanovic lebt heute in Tuzla mit seiner Frau und seinen zwei Kindern.

Bedeutung für die deutsche Öffentlichkeit

Das Buch ist für die deutschen Leser/innen nicht unbedeutend, wie der Autor Hasan Hasanovic im Vorwort zur deutschen Ausgabe schreibt:

„[…] Obwohl ein langer zeitlicher Abstand zu den im Buch beschriebenen Ereignissen vorhanden ist, hat das Buch auch für Deutschland Relevanz. Seit einigen Jahren erleben wir das Erstarken des Antisemitismus, Rechtspopulismus und Islamfeindlichkeit in westlichen Gesellschaften.

Die Mörder von Utoya und Christchurch berufen sich ausdrücklich auf die Balkankriege und verherrlichen die rechtskräftig verurteilten Mörder und Planer des Genozids, den ich überlebt habe. Der Christchurch- Mörder fuhr zu den Tatorten mit der einpeitschenden Musik der Tschetniks, die die Taten verübt hatten. Auf dem Video zum Musikstück sieht man den bosnisch-serbischen Soldaten Novislav Đajić, den das Bayerische Oberste Landesgericht zu fünf Jahren Haft wegen Beihilfe zum Mord an 14 Muslimen während des Krieges verurteilt hat.

Das wäre keine große Notiz wert, wenn der notorische Nobelpreisträger für Literatur Peter Handke bei Đajićs Hochzeit nicht als Trauzeuge anwesend gewesen wäre, wie „die Zeit“ schreibt. Es ist unsere Aufgabe dem Normalisieren des Genozids etwas entgegenzusetzen, indem man dagegen anschreibt, mahnt und erinnert. Das sollte man nicht nur zum Gedenken der Opfer tun, sondern auch wegen der westlichen Gesellschaften, wenn man eine offene Gesellschaft bleiben will. Die Morde von Halle und Hanau – die wir in Bosnien mit Trauer und Bestürzung aufgenommen haben – sind uns allen ein mahnendes Beispiel, wohin der Hass führen kann. […]“

Daniel Bax: Antimuslimischer Rassismus sickert bis zum Bürgertum

In einem weiteren Vorwort des Buches weist der Journalist Daniel Bax darauf hin, dass nach dem 11. September 2001 sowie der Flüchtlingsdiskussion des Jahres 2015 die antimuslimische öffentliche Debatte in Südosteuropa einen wichtigen Platz in der Argumentationskette nicht nur von Rechtsextremen einnehme. Sie sickerten sogar bis zum Bürgertum. Symptomatisch für diese Argumentationsmuster seien beispielsweise Äußerungen des ehemaligen SPD-Politikers Thilo Sarrazin zum Kosovo: Die Türken hätten Deutschland genauso erobert, wie die Kosovaren das Kosovo erobert hätten: durch eine höhere Geburtenrate.

Nachhaltiger Frieden muss das Ziel sein

Umso wichtiger ist es daher, derartige Publikationen als Gegennarrativ zu haben, um antimuslimischen Verschwörungstheorien die Grundlagen zu entziehen. Wohin die Herabwürdigung der Menschen muslimischen Glaubens führen kann, hat man in Srebrenica allzu deutlich gesehen. Um eine Wiederholung des Genozids, egal ob auf dem Balkan oder anderswo, zu verhindern, darf es kein Vergessen geben.

Gerade im Hinblick aktueller Ereignisse in Bosnien, wo gerade serbische Nationalisten um Milorad Dodik einen Teil von Bosnien-Herzegowina aus dem Westbalkanstaat abzuspalten versuchen, ist das Gedenken und Erinnern an den Völkermord eine beständige Aufgabe. Die aufgeheizte Stimmung und die radikalen Abspaltungspläne werden trotz Warnungen der internationalen Gemeinschaft zum Teil von rechtsextremen Gruppen aus Europa unterstützt.

Die Lage bleibt extrem fragil und angespannt. Eine Versöhnung beider Völker rückt somit in weite Ferne. Gerade das aber braucht der Balkan. Frieden und Versöhnung. Die einst nachbarschaftlichen, ja gar familiären Beziehungen zwischen Serben und Bosniaken darf keine Utopie mehr sein. Jeder, auch Europa, muss seinen Anteil zum nachhaltigen Frieden der Balkanvölker leisten.

Das Buch ist zu bestellen unter: Srebrenica. Kein Vergessen. Kein Vergeben: Der Bericht eines Überlebenden


Zum Autor: Yasin Baş ist Politologe, Historiker, Autor und freier Journalist. Zuletzt erschienen seine Studien: „Islam in Deutschland – Deutscher Islam?”, „nach-richten: Muslime in den Medien”, „Muslime in den Medien. Presseschau 2018” sowie „Medien in Deutschland”.


 

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