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Kommentar zu „Özil hat ein Integrationsproblem“

Wenn Migranten – überintegriert und übermotiviert – darüber räsonieren, dass ja die bösen bösen Migranten aus der „eigenen Community“ Schuld an allem seien, weil sie sich in der Opferrolle als Diskriminierte wohl fühlten, dann kommt eine gequirlte Scheiße wie dieses Buch raus: "Özil hat ein Integrationsproblem"

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(Foto: SWR International)

Von Ertugrul Sahin

Wenn Migranten – überintegriert und übermotiviert – darüber räsonieren, dass ja die bösen bösen Migranten aus der „eigenen Community“ Schuld an allem seien, weil sie sich in der Opferrolle als Diskriminierte wohlfühlten, dann kommt eine gequirlte Scheiße wie dieses Buch raus:

„Özil hat ein Integrationsproblem“

Die Bloggerin Tuba Sarica wurde also noch nie diskriminiert und die Diskriminierung von Schülern mit Migrationshintergrund sei bloß Fiktion, so so. Sie inszeniert sich als Türkischstämmige, ist aber eigentlich schon längst und (un-)vorbildlich bis zur Schmerzgrenze assimiliert – herzlichen Glückwunsch – und wenn schon nicht Biodeutsch, so doch plump Bierdeutsch, bzw. Buchverkaufsdeutsch vom Schlage Constantin Schneiders oder Sarrazins.

Über dieses Phänomen schreibe ich ja nicht zum ersten Mal – es gibt da diese ganz spezielle Gruppe aus herkunfts- und wurzelangeekelten Migranten mit Minderwertigkeitskomplexen, für die das Deutschsein einem Heroinschuss gleichkommt – schwachsinnige Menschen, die die Mär vom überlegenen und aufgeklärten Westen nur zu gerne fressen, um sich von den vermeintlich primitiven Wurzeln zu befreien .

Sie – inklusive Tuba Sarica – realisieren nicht, dass sie die Demokratie zu einer Ideologie verklären, um sich dann auf paradoxe Weise als ideologiekritische Individuen aufzuspielen, weil sie die Politik und Politiker ihrer Herkunftsländer kategorisch verachten. Also folge ich nun der geschlagenen Spur und schlage zurück, mit ebenso unverblümter Polemik.

So weit – also bis zu diesen neuen Hipster-Migranten mit Migrationsallergie – ist das aber nichts Neues und Überraschendes. Aber die Dummheit und Vehemenz, mit der Frau Sarica sich dazu missbrauchen lässt, rassistische Diskurse der Mehrheitsgesellschaft zu reproduzieren, ist bemerkenswert. Alles, was sie sagt, würde die AfD dick und fett unterstreichen – das sollte einem zu denken geben.

Aber darin liegt ja der Verkaufstrick, für sie wie für den Verlag: Wie gern lesen doch die erzkonservativen Glieder unserer Gesellschaft solche Aussagen wie „Deutschtürken brauchen Selbstkritik, weil sie sich Diskriminierung nur einbilden/ selber diskriminieren und deutschenfeindlich sind“ etc. – es ist ein Festmahl der Diskriminierungsleugnung.

Endlich kann man wieder politisch unkorrekt und richtig schön asozial den Unschuldigen zum Schuldigen verkehren – wir erinnern uns: Auch die Juden waren ja Schuld an allem! -, es braucht lediglich genug Vollidioten, die aussprechen, was Persilscheindeutsche niemals aussprechen dürften. Es hat den Beigeschmack eines „Hausnegers“, wie Malcolm X damals in Selma so schön erklärte: Eilfertige und fügsame Dienerlein, die mit vorauseilendem Gehorsam ihre „Feldneger“-Kollegen im Namen des weißen Herren in Reih‘ und Glied halten wollen und nur zu gern verpetzen oder sanktionieren.

Das können sie, denn sie dürfen sich besser kleiden und haben eine bessere soziale Position, auch essen sie dasselbe Essen wie der Hausherr und können sich besser artikulieren – all das wollen sie ja nicht verlieren, daher sind sie an einer Reproduktion der gewohnten Verhältnisse interessiert.

Es ist schon amüsant, wie eine studierte Germanistin wie eine selfmade Intellektuelle glänzen will, dabei aber völlig ausblendet, womit Migranten wirklich zu kämpfen haben, wie etliche Studien belegen, unter anderem aktuell diese Mannheimer Studie zu der schlechteren Leistungsbewertung von Migranten in Schulen(!):

Schüler mit türkischem Hintergrund werden bei Diktaten diskriminiert. Eine neue Studie von Mannheimer Bildungsforschern zeigt: Wer Murat heißt, bekommt schlechtere Noten – sogar bei gleicher Fehlerzahl.

Trotz Evidenzen und vielfältig nachgewiesenen Studienergebnissen zur Diskriminierung – und die Mannheimer Studie ist nur ein Beispiel unter vielen – also alles nur eine billige Opferrolle von Migranten? Frau Sarica sagt dazu lapidar und verächtlich:

„Wenn deutschtürkische Kinder zum Beispiel Schulprobleme haben, dann fragen die Eltern nicht, ob sie vielleicht faul waren. Dann sind da die Lehrer schuld, die angeblich etwas gegen Türken haben.“

Es sei also eigentlich die Faulheit der Migranten und Lehrer werteten Kinder mit Migrationshintergrund bloß angeblich schlechter – wow, das klingt so sarrazinmäßig AfDistisch, da kriege ich meine Kinnlade nicht mehr hoch. Wie sie, eine studierte Germanistin – sorry, auf dieses Ross hat sie sich selber gesetzt – dazu kommt, soziologische Allgemeinplätze über die institutionelle Diskriminierung und überhaupt gut erforschte Phänomene der Diskriminierung pauschal zu leugnen und sogar zu verdrehen, das kann ich nicht verstehen.

Ein Glück, dass nicht Minderwertigkeitsmigranten Fakten schaffen, sondern empirische Studien – andererseits kommt in der breiten Öffentlichkeit die klein gekochte und simple Botschaft der (Selbst-)Hasstirade von Frau Sarica eher an.

Damit kommen wir zu den gesicherten Fakten. Fakt und nicht etwa Fiktion ist: Kinder von Migranten werden eher auf Sonder- oder Hauptschulen verfrachtet, kriegen bei gleicher Leistung schlechtere Noten (siehe z.B. die Mannheimer Studie oben) und das Problem soll ernsthaft eine überzogene Opferrolle von Migranten sein? Es ist keine Diskriminierung der Art, die die Hautfarbe etwa mit Schokolade vergleicht und NSU-Morde als Dönermorde labelt, sondern ein Problem, welches ernsthafte Konsequenzen auf Schulnoten und damit auf die gesellschaftliche Partizipation hat – auf direktem Wege und eine Stufe über jeglicher Verbaldiskriminierung, wobei auch die keinesfalls unterschätzt werden sollte.

Aber papperlapapp, ich übertreibe doch bloß und jammere nur rum – offensichtlich bin ich einer von den Migranten, die sich in der Opferrolle wohlfühlen! Was ist da schon so eine Lapallie wie „mangelnde Bildungsgerechtigkeit“ – Frau Sarica hat das eigentliche Problem erkannt: Migranten, die sich über Diskriminierung aufregen! Denn wenn man es einfach ignoriert, ist es doch nicht mehr da, oder?

Ging doch bei ihr auch: Einfach scheiße über die eigene community reden und über Deutschtürken herziehen und zack, man kann erfolgreiche Buchautorin sein und sich als intellektuelle Germanistin und Fachfrau für Integrationsprozesse aufspielen, obwohl man noch nicht einmal basale soziologische Studien und Erkenntnisse zu Diskriminierungsprozessen kennt.

Frau Sarica hat natürlich vollkommen Recht: Es könnte doch alles so einfach für die Jammermigranten sein, sie müssten bloß den Islam kritisieren, Erdoğan und die Türkei kritisieren, Deutschtürken kritisieren, die Ditib kritisieren, die türkische Kurdenpolitik kritisieren, Döner und Börek kritisieren, türkische Hochzeiten kritisieren, Türkisch sprechende Kinder kriminalisieren, keinen Urlaub mehr in der Türkei machen, keine türkischen Gemüseläden mehr besuchen, türkische Restaurants meiden, kurzum: Ihre Herkunft und Identitäten komplett aufgeben. Sagte ich komplett? Ja, und zwar mit Salat und Soße. Mehr will doch die Mehrheitsgesellschaft und Politik nicht, ist das etwa zu viel verlangt?

Und wie die Mannheimer Studie zur schlechteren Benotung von Deutschtürken außerdem zeigt, sind ja die Namen und sichtbaren Wurzeln das Problem, also müssten folgerichtig alle Kinder mit Migrationshintergrund einfach Peter oder Petra heißen, schon kriegen sie die gleiche Leistungsbeurteilung – das ist doch Freiheit, Demokratie und Fairness pur.

Ein Glück, dass Frau Sarica Germanistik studiert hat – ich wiederhole: Auf dieses Ross hat sie sich selbst gesetzt! – und so gut versteht, wie Minderheitenrechte, Meinungsfreiheit und Demokratie funktioniert, vorausgesetzt man tut genau das, was man aus Sicht der Mehrheitsgesellschaft und Politik tun soll. Aber hey, dann ist auch Russland ebenfalls eine wunderbare Demokratie oder China: Wenn du tust, was die Partei will, hast du auch eine absolute Meinungsfreiheit, Minderheitenrechte und alles läuft demokratisch.

Ironie beiseite: Selbst wenn Migranten Migranten kritisieren, was sie durchaus können sollten, dann bitte nicht vor Augen der voyeuristischen Mehrheitsgesellschaft und Politik, sondern intern, das hat sie und ja, vermutlich auch dich lieber Leser, einen feuchten Dreck zu interessieren.

Denn immer dann, wenn der deutsche Politiker und Gaffer als Kontrollinstanz dazu stößt und sogar den Gönner der „liberalen Muslime“ gibt oder auf „Diskursschaffner“ macht, kommt eine Kolonialkeule in den Diskurs und die Kritik am zurückgebliebenen und jammernden Migranten wird zu einer Kannibalismus-Show – oder ein bestimmter Dominanzakt wie bei den guten alten Römern.

Denn die letzten, die ein Recht haben, Migranten zur „Aufklärung“ zu treiben, als wäre der Rest der Welt eine Herde aus dummen Schafen, das sind die Deutschen, Franzosen, Briten oder Amis, die noch ordentlich zu tun haben mit ihren eigenen Hausaufgaben, namentlich der Kolonialschuld damals wie heute (und ja – die Nahostpolitik sehe ich als Weiterführung!) sowie der Frage, wie und woher ihr unkontrollierter Machtanspruch über Natur & Menschen seit der Renaissance und ganz explizit seit eben jener „Aufklärung“ und dessen Huckepack – dem Nationalismus – kommt (Stichwort „Kritische Theorie“).

Die „manifest destiny“ Ideologie, wofür wir die Amis belächeln, ist eben nicht nur typisch amerikanisch, sondern ganz sicher auch Teil unserer europäischen Identität und Ideologie, und das nicht erst seit gestern, sondern schon seit der Antike: Alles, was „außerhalb“ liegt, ist einfach barbaroi und gehört zivilisiert und zwar natürlich nur durch uns.

Nein meine Liebe, ich will sie nicht dabei haben als Kontrollinstanz, denn dann kommt so eine Scheiße wie in der Özil-Debatte raus: Egal wie gut man ist und arbeitet sowie Gebrauch von den natürlichsten Freiheiten einer Demokratie macht – ja, ich meine das Foto! Denn wenn es Angela tun darf oder der Lothar, warum nicht ein Özil? – , ist man niemals aufgeklärt und integriert genug, der deutsche Oberlehrer ist immer anwesend und big Brötchen is watching you. Und schon muss man wieder illustrieren, wie integriert und demokratieliebend man doch ist – als würde man religiösen Geboten folgen, so ideologisch aufgeladen ist es schon – , um seinen Hundekeks zu bekommen. Aus alten Gewohnheiten kommt man schließlich nur schwer raus…

Für jemanden, der sich als klug und studiert inszeniert, ist ihr wohl diese kleine Nuance am ganzen Diskurs entgangen: Sie ist bloß ein Instrument für Meinungen, die andere nicht sagen könnten, ohne eine Diskriminierungs- und Rassismusklage zu kassieren. Man stelle sich vor, ein deutscher Politiker behauptete, Migranten jammerten zu viel rum, würden eigentlich kaum diskriminiert und seien überdies unfähig zur Selbstkritik sowie grundfaul – dieser Politiker würde sich augenblicklich ruinieren oder zumindest zu Recht als AfD-coloriert gelten.

Aber wenn eine Frau Sarica das sagt, no problem. Letzten Endes huren diese migrantischen Migrantenkritiker für die rassistischen Freier rum – von der AfD bis hin zu allen anderen Parteien, die am rechten Rand fischen – und verbalisieren deren unsagbaren, weil unsäglichen Fantasien. Sie inszenieren sich als besonders aufgeklärte und intelligente, intellektuell-kritische Migranten, dabei reproduzieren sie bloß totalitäres Denken vom Schlage mehrheitsgesellschaftlicher Assimilationswünsche als Bedingung für Erfolg & Partizipation. Tu was sie wollen, dann bist du ein Paradedemokrat und erfolgreiche Buchautorin, lass es, und wirst ein Özil: Arsch aufgerissen und am Ende trotzdem einen Arschtritt bekommen.

Halleluja – the show must go on. Was wäre der Kampf um Gleichberechtigung doch langweilig, wenn es diese Vollidioten nicht gäbe, die uns das Arschkriechertum spiegeln und effektiv aufzeigen, zu welchem mentalen Stuhlgang der Arroganz und der Stolz einer „studierten Germanistin“ einen doch treiben kann.

„I believe in the brotherhood of man, all men, but I don’t believe in brotherhood with anybody who doesn’t want brotherhood with me. I believe in treating people right, but I’m not going to waste my time trying to treat somebody right who doesn’t know how to return the treatment.“ (Malcom X)


Dieser Kommentar gibt die Meinung des Autors wieder und stellt nicht zwingenderweise den Standpunkt von nex24 dar.


 

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