Vom Patienten zum Heroinabhängigen
Drogen-Epidemie in den USA: Über 500.000 Tote in 15 Jahren

Die USA haben mit einer massiven Drogen-Epidemie zu kämpfen. Schuld sind nicht klassische bewusstseinserweiternde Substanzen, sondern verschreibungspflichtige Arzneimittel. Besonders die Mittelschicht ist betroffen.

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Opiumhaltige Schmerzmittel in USA bergen ernormes Suchtpotential

Boston (nex) – Was als effektive Therapie bei Sportunfällen, schmerzhaften Erkrankungen wie Krebs oder als Nachsorge bei Operationen beginnt, erweist sich für Millionen von Amerikanern als biographischer Alptraum mit potentiell tödlichem Ausgang:

Einige der bekanntesten Schmerzmittel auf dem US-Markt machen süchtig und verleiten zudem zum Umstieg auf klassischere Drogen wie Heroin. Laut statistischer Daten der US-Gesundheitsbehörde „Centers for Disease Control and Prevention“ hat sich die Zahl der Toten durch Überdosierung von Opioiden seit 1999 vervierfacht; für den Zeitraum von 2000-2015 wurden mehr als eine halbe Million Todesfälle verzeichnet. Pro Tag verlieren durchschnittlich 91 Amerikaner durch die Überdosierung von Opioiden ihr Leben. Experten sprechen von epidemischen Ausmaßen.

Das Problem schwelt seit den 1990ern, ins öffentliche Bewußtsein gelangt ist es aber vor allem im Lauf des vergangenen Jahres. Hervorgerufen wurde die Krise durch eine zu sorglose Verschreibungspraxis in den 1990ern und eine skrupellose Vermarktungspraxis. U.S.-Schmerzmittelhersteller haben jahrelang das massive Gefährungspotential, das synthethisch hergestellte Opioide für Schmerzpatienten bergen, ignoriert und der Öffentlichkeit verschwiegen.

Synthetisch hergestellte Opioide, die früher vor allem bei Operationen und schmerzintensiven Krankheiten wie Krebs eingesetzt wurden, dann aber zunehemnd auch für geringfügigere Beschwerden verschrieben wurden, ähneln in ihrer chemischen Struktur klassischeren Drogen wie Heroin und machen damit ein Abgleiten in die Sucht besonders leicht.

Eines der Medikamente, die für die epidemieartigen Dimensionen des Medikamentenmissbrauchs verantwortlich gemacht werden, ist OxyContin. Der Hersteller Purdue hatte es, laut einer Investigativrecherche von Los Angeles Times, in den 1990ern entwickelt, als er sich mit einer Unternehmenskrise konfrontiert war und dringend einen neuen Verkaufsschlager brauchte. OxyContin wurde beworben als Arznei, die gegenüber herkömmlichen Schmerzmitteln den Vorteil hatte, besonders gleichmäßig und lange zu wirken, so dass es nur zweimal pro Tag eingenommen werden müsse.

Tatsächlich hielt die Wirkung für viele Patienten nur acht oder sechs Stunden oder das Medikament verlor in noch kürzerem Zeitraum seinen Effekt. Patienten wie auch die verschreibenden Ärzte wurden so dazu verleitet, entweder Dosis oder Einnahmefrequenz zu erhöhen. Manche Patienten entdeckten auch bald die Ähnlichkeit von OxyContin zu klassischen Drogen und stiegen dann aus Kostengründen auf billigere Schwarzmarktprodukte um.

Teilweise wurden diese dann wiederum durch das noch billigere Heroin ersetzt oder durch beispielsweise eine Mischung aus Heroin und Fentanyl, einem synthetischen Opioid. Aus Schmerzpatienten werden so Drogenabhängige, die zur Befreiung aus ihrer Sucht die üblichen Entzugsprogramme durchlaufen müssen. Betroffen sind hiervon weniger die klassischen städtischen Milieus, die als besonders anfällig für Drogensucht gelten, sondern vor allem weiße Angehörige der Mittelschichten, auch solchen in ländlichen Gebieten.

Dem Hersteller Purdue war jahrelang bekannt, dass die versprochenen 12 Stunden Linderung bei vielen Patienten nicht zu beobachten waren. Anwendungsbezogene Arzneimittelstudien hatten schon frühzeitig ergeben, daß die Wirkungsdauer vielfach deutlich kürzer ausfiel. Offenbar wollte sich das Unternehmen aber seinen Wettbewerbsvorteil erhalten und pries OxyContin weiterhin als von besonders langer Wirkunsdauer an. Dank aggressiver Vermarktungstaktiken, die neben den klassischen Schmerzpatienten wie Krebserkrankten auch neue Nutzergruppen erschließen sollten, wurde OxyContin trotz seiner Mängel zum meistverkauften Schmerzmittel in den USA. Laut der  SRF-Korrespondentin Priscilla Imboden logen Hersteller wie Purdue auch gezielt, indem sie behaupteten, daß ihre Schmerzmittel nicht abhängig machten.

Es waren allerdings nicht nur erhöhte, teils eigenmächtige Dosierungen durch die Endverbraucher, die zu einem weitreichenden Drogenproblem in den USA führten. Auch Dealer entdeckten die psychotrop wirkenden Substanden für sich und ersannen Wege, die entsprechenden Produkte aus dem legalen Verkaufs- und Anwendungsbereich auf den Drogenmarkt abzuziehen. Dazu wurden unter anderem „Kliniken“ eingerichtet, die einzig dem Zweck dienten, über Massenverschreibungen an große Mengen der Arzneimittel zu gelangen und diese dann illegal an Konsumenten weiterzureichen. Eine einzige Tablette konnte so auf der Straße für $80 gehandelt werden.

Das Unternehmen Purdue, das durch besonders hohe Verschreibungsraten in einzelnen Gebieten und Arztpraxen hätte misstrauisch werden müssen und teils auch gezielt über auffällige Vorgänge informiert wurde, schaute weg. Zu Beginn dieses Jahres hat die Stadt Everett (im Bundesland Washington), die von dieser Art des  Arzneimittelmißbrauchs und daraus entstehender Drogenabhängigkeit sowie erhöhten Kriminalitätsraten besonders betroffen war, vor diesem Hintergrund eine Klage gegen diesen Arnzneimittelhersteller eingereicht.

Obwohl Purdue schon mehrfach wegen „täuschender Vermarktung“ verklagt wurde, war das Vorgehen der Stadt Everett neuartig in dem Sinne, daß dem Unternehmen erstmals vorgeworfen wurde, über das Abfließen seiner Produkte auf den Schwarzmarkt informiert gewesen und nicht angemessen reagiert zu haben, d.h. nicht gegen den illegalen Weiterverkauf durch Drogendealer vorgegangen zu sein.

Im am stärksten betroffenen Bundesstaat West Virginia wurde laut CNBC im März gegen gleich drei Hersteller, gegen AmerisourceBergen, Cardinal Health und McKesson, Klage erhoben Mittlerweile haben einige Arzneimittelhersteller ihre Rezepturen immerhin so verändert, daß die Tabletten sich nicht mehr auflösen oder pulverisieren lassen und damit nicht mehr gespritzt, geraucht oder geschnupft werden können. Damit werden sie für den Einsatz als bewusstseinsverändernde Droge unattraktiver.

Zusätzlich zum hausgemachten Problem, das aus einer zu laxen Verschreibungspraxis und fehlender Kontrolle über Hersteller und Vermarktungswege heraus entstand, wird eine Abhängigkeit von Opioiden auch durch Arzneimittelimporte aus dem Ausland befördert. Besonders über China und Mexiko gelangen synthetische Opioide, teils sogar auf dem einfachen Versandwege, in die USA. Laut der Nachrichtenagentur AP kann das besonders wirkmächtige Carfentanil, das in den 1970ern entwickelt wurde und eigentlich als Anästhesiemittel für Elephanten, Bären und andere große Tiere dient, problemlos aus China bezogen werden. Importierte Substanzen können auch dazu verwendet werden, bekannte Schmerzmittel zu fälschen.

Bereits im Juli 2016 hatte der US-Senat ein neues, weitreichendes Gesetz zur Bekämpfung der Krise verabschiedet, das sowohl weitere juristische Vorgehensweisen als auch Maßnahmen zur Vorbeugung, Behandlung und vorsah. Die Finanzierung des „Comprehensive Addiction & Recovery Act (Cara)“ muss jedoch für jedes Jahr neu ausgehandelt und gesichert werden. Schnelle Erfolge und eine umgehende drastische Besserung der Situation dürften, auch angesichts der Versendung entsprechender Substanzen durch das Ausland, zunächst eher unrealistisch sein. Dr. Rauhl Gupta, der in West Virginia, einem der Epizentren des Arzneimittelmissbrauchs, für eine staatliche Gesundheitsbehörde arbeitet, sagte gegenüber NBC News, daß der Höhepunkt dieser prolematischen Entwicklung vermutlich noch nicht einmal erreicht sei.

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