Völkermord an Tscherkessen
Wie Russland die Tscherkessen verhöhnt und die westeuropäische Öffentlichkeit dabei wegsieht

Jedes Jahr am 21. Mai gedenken Tscherkessen weltweit des Völkermordes, den das zarische Russland an ihrer Volksgruppe im 19. Jahrhundert verübt hat.

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Istanbul (nex) – Jedes Jahr am 21. Mai gedenken Tscherkessen weltweit des Völkermordes, den das zaristische Russland an ihrer Volksgruppe im 19. Jahrhundert verübt hat. Neben politischen Demonstrationen werden auch wissenschaftliche Konferenzen veranstaltet, es werden Mahnwachen mit Kerzen abgehalten oder auch Blumenkränze ins Meer geworfen in Erinnerung an diejenigen, die bei der gefährlichen Überfahrt von der östlichen Schwarzmeerküste ins osmanische Exil im Meer ertrunken sind.

Der 21. Mai 1865 hatte nicht das Ende des Genozids dargestellt, er markierte vielmehr einen traurigen Höhepunkt und steht für den zynischen Triumph der Sieger. Nachdem im April/Mai 1864 im Zuge eines blutigen kolonialen Unterwerfungskrieges mit den Abazinen und Achipsou die letzten widerständigen Stämme der Tscherkessen geschlagen worden waren, trafen die verschiedenen Truppenteile der zarischen Armee auf der Hochebene von Krasnaja Poljana (tscherkessisch: Kbaade) zusammen und hielten dort an besagtem 21. Mai 1865 eine Militärparade sowie einen Dankesgottesdienst ab, mit dem sie das Ende der russisch-kaukasischen Kriege feierten. Zur gleichen Zeit kampierten an den Ufern des Schwarzen Meeres noch zehntausende Tscherkessen, die dort unter widrigsten Umständen darauf warteten, ins Osmanische Reich deportiert zu werden und dort massenhaft Hunger, Seuchen und den Folgen der Kriegshandlungen erlagen.

Nach einer kurzen Phase der Öffnung Anfang der 1990er Jahre ist im heutigen Russland ein Gedenken an dieses traurige Kapitel der Geschichte des Vielvölkerreiches Russland erneut unerwünscht und wird von offizieller Seite nach Kräften behindert. Museumsausstellungen werden entfernt, unliebsame Direktore erhalten die Kündigung, Archivmaterial bleibt unter Verschluß, tscherkessische Aktivisten werden schikaniert und bedroht, ausländischen Journalisten mit Interesse an den Tscherkessen stellt der FSB nach und bei tscherkessischen Demonstrationen und Gedenkveranstaltungen müssen Teilnehmende damit rechnen, willkürlich verhaftet und in Polizeigewahrsam genommen zu werden.


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Jedoch geben sich die russischen Behörden mit Repression und Verhinderung alleine nicht zufrieden, sie setzen vielmehr eigene, auch erfundene Traditionen und moderne Massenevents dagegen. Immer wieder wird das historische Narrativ bemüht, der Nordkaukasus habe sich freiwillig in den Verband des russischen Reiches begeben und dies sei zum Vorteil auch der einheimischen Bewohner gewesen, diese hätten von dieser “Vereinigung” im Sinne des zivilisatorischen Fortschrittes profitiert. Dies schlägt sich u.a. in einer Denkmalskultur nieder, innerhalb derer der russischen Kriegsverbrecher, nicht deren Opfer, gedacht wird.

Im November 2015 wurde im Kurort Sotschi zum “Tag der Stadt” eine Büste des Zaren Alexander II. errichtet, also ausgerechnet jenes russischen Herrschers, der am 10. Mai 1862 seine Unterschrift unter das folgenträchtige Dokument zur “Umsiedlung” der Tscherkessen gesetzt hatte und damit die Endphase des Genozids überhaupt erst ermöglicht und offiziell sanktioniert hatte.

Das Denkmal bildet einen Teil der “Allee des russischen Ruhms”, Alexander II. wird als “Befreier” präsentiert. Russische Behörden beriefen sich zur Erklärung dieses Beinamens auf die Reformpolitik von Alexander II. und insbesondere auf dessen Bemühungen um die Aufhebung der Leibeigenschaft. Kritiker des Denkmals wiesen jedoch darauf hin, dass es in der Gegend um Sotschi gar keine Leibeigenen gegeben habe. Die Botschaft des Denkmals bleibt damit eine höchst ambivalente.

Als Reaktion auf diesen Affront wurde denn auch von tscherkessischer Seite eine (bislang rein russischsprachige) Petition ins Leben gerufen, die die Beseitigung des Denkmals in Sotschi fordert und insbesondere fragt, ob der Begriff “Befreier” sich etwa auf die “Befreiung” der Gegend von Sotschi von der einheimischen Bevölkerung beziehe. Am 30. Dezember 2015 traf eine Antwort der Stadtverwaltung von Sotschi ein, die auf ausschweifende Weise noch einmal die “historischen Verdienste” von Alexander II. darlegte und sich darauf berief, dass in der heutigen Zeit in der Gegend von Sotschi mehr als 110 Nationen und Nationalitäten lebten, diese sähen Alexander II. als Teil der “ruhmvollen Geschichte des heimischen Russischen Staates” an.


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In einem ähnlich gearteten Manöver verkündete der Kurort Krasnaja Poljana im Januar 2016 auf seiner Webseite, der “Tag der Stadt”, eine Art Festival zur Volksbelustigung mit Jahrmarkt, sportlichem Wettbewerb, Auftritten von Künstlern und weiterem Vergnügungsprogramm, sei vom September auf den 21. Mai verschoben worden. Auf Proteste der tscherkessischen Community hin wurde diese Meldung stillschweigend abgeändert. Jetzt ist dort nur noch “von September auf Mai verschoben” zu lesen, das genaue Datum werde noch bekanntgegeben, heißt es. Ein Vertreter der Stadtverwaltung soll mittlerweile versichert haben, es werde nicht am 21. Mai gefeiert, dies sei “politisch nicht korrekt”; als verbindlich muss diese Aussage aber bislang wohl nicht gewertet werden.

Immerhin als Geschmacklosigkeit, wenn auch nicht unbedingt als gezielter Affront, wurde von Seiten der internationalen tscherkessischen Diaspora wahrgenommen, dss  im April 2016 im Rahmen des sogenannten “Boogel Woogel Karneval” im Skiresort Rosa Chutor bei Krasnaja Poljana ein Massenevent stattfand, bei dem über tausend Teilnehmer einen Weltrekord im Skifahren in Badebekleidung (Bikinis und Badehosen) aufstellen wollten.

Während repressive Maßnahmen und gezielte Provokationen von russischer Seite gegenüber den Tscherkessen in der westeuropäischen Öffentlichkeit immer noch allzu oft stillschweigend übergangen werden, hatten sich sowohl das ZDF (im heute Xpress) als auch die European Press Agency für die spärlich bekleideten Sportler interessiert und über den Guiness-Versuch berichtet. Die Symbolik des Ortes blieb dabei außen vor.

Ein würdevolles Gedenken an den an den Tscherkessen verübten Völkermord gestaltet sich unter diesen Umständen sowohl auf lokaler als auch auf internationaler Ebene äußerst schwierig. Bislang haben sich westeuropäische Medien nicht einmal dazu durchringen können, regelmäßig zum Jahrestag des 21. Mai 1864 über diesen noch weitgehend unbekannten Völkermord zu berichten und damit eine Art historische Erstaufklärung zu leisten. Russland hat damit im Großen und Ganzen gegenüber den Tscherkessen freie Hand.

Irma Kreiten

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