Ein Gastkommentar von Toghrul Hasanzadeh
Die Rede des aserbaidschanischen Präsidenten Ilham Aliyev auf dem VIII. Parteitag der regierenden Partei „Yeni Azərbaycan“ am 2. Oktober 2026 hat weit über Baku hinaus für Diskussionen gesorgt. Besonders beachtet wurden seine Aussagen, Aserbaidschan brauche keine „Hilfe oder Schirmherrschaft“ von außen und müsse seine Außenpolitik so gestalten, dass sich niemand in seine Angelegenheiten einmische.
Aliyev verwies auf die eigene Armee, auf Waffen, die mit eigenen Mitteln gekauft worden seien, auf wirtschaftliche Eigenständigkeit und auf die Unabhängigkeit als Ergebnis einer langjährigen Politik. Zugleich erklärte er, es gebe in der Welt zwei Supermächte, die USA und China, eine dritte gebe es nicht. Russland nannte er in diesem Zusammenhang nicht. Auch das ist für Baku eine sehr direkte Botschaft.
Ein Teil der Kommentatoren interpretierte die Rede als Kritik an der Türkei und als Zeichen einer Abkühlung zwischen Baku und Ankara. Das ist zu direkt. Die Türkei wurde in diesem Abschnitt nicht genannt. Zudem gibt es mehrere mögliche Adressaten solcher Aussagen, die näher liegen als Ankara.
An wen richtet sich die Rede?
Aserbaidschan liegt zwischen Russland und Iran, zwei Staaten, die historisch Einfluss auf den Südkaukasus beansprucht haben. Nach den russisch-persischen Kriegen wurde die Region zwischen dem Russischen und dem Persischen Reich aufgeteilt. Festgeschrieben wurde dies durch den Vertrag von Gulistan von 1813 und den Vertrag von Turkmenchai von 1828.
Seit der Wiederherstellung der Unabhängigkeit Aserbaidschans im Jahr 1991 haben die Beziehungen zu Teheran wiederholt Krisen und Phasen der Normalisierung erlebt. Im Januar 2023 wurde die aserbaidschanische Botschaft in Teheran Ziel eines bewaffneten Angriffs. Nach langen Verhandlungen nahm die Botschaft im Sommer 2024 ihre Arbeit wieder auf.
Auch das Verhältnis zu Moskau hat sich deutlich abgekühlt. Im Dezember 2024 wurde ein aserbaidschanisches Passagierflugzeug beim Anflug auf Grosny über russischem Gebiet abgeschossen. Nach Einschätzung Bakus und mehrerer Experten traf es die russische Flugabwehr. Es folgte eine diplomatische Krise. Im Februar 2025 stellte Baku die Tätigkeit des „Russischen Hauses“ ein.
Als Begründung wurden unter anderem fehlende Registrierung und Verstöße gegen aserbaidschanisches Recht genannt. Im Sommer 2025 verschärfte eine Welle von Festnahmen unter Angehörigen der aserbaidschanischen Diaspora in Russland die Spannungen zusätzlich.
Vor diesem Hintergrund wirken Aliyevs Aussagen über die eigene Unabhängigkeit vor allem wie eine Fortsetzung der allgemeinen Logik der aserbaidschanischen Außenpolitik. Für einen Staat mit einer solchen geografischen Lage ist es eine langfristige strategische Frage, den eigenen Handlungsspielraum zu bewahren.
Aserbaidschan pflegt gleichzeitig Beziehungen zu vielen Partnern. Es ist mit der Türkei eng verbündet, unterhält Arbeitsbeziehungen zu Russland und Iran und kooperiert mit der EU, Israel, China und den Staaten Zentralasiens. Die Interessen dieser Partner überschneiden sich nicht immer. Baku muss daher ständig zwischen unterschiedlichen Interessen und Machtzentren ausbalancieren.
Warum Europa davon betroffen ist
Aserbaidschan kann Russland als Gaslieferanten für Europa und insbesondere für Deutschland nicht ersetzen. Seine Bedeutung liegt vielmehr in der Diversifizierung.
2025 lieferte Aserbaidschan rund 11,3 Milliarden Kubikmeter Gas in die EU, etwa 3,9 Prozent der gesamten Gasimporte der Europäischen Union.
Seit Januar 2026 fließt aserbaidschanisches Gas auch nach Deutschland und Österreich. Für Deutschland ist insbesondere der Zehnjahresvertrag zwischen SOCAR und SEFE relevant, der Lieferungen von bis zu rund 1,5 Milliarden Kubikmetern pro Jahr vorsieht.
Über Aserbaidschan und die Türkei verlaufen zudem weitere wichtige Verbindungen. Die Ölpipeline Baku–Tiflis–Ceyhan und die TANAP-Gaspipeline verbinden die Ressourcen des Kaspischen Raums mit dem europäischen Markt. Die Eisenbahnstrecke Baku–Tiflis–Kars und der Mittlere Korridor bilden eine Landverbindung von Zentralasien über das Kaspische Meer, den Kaukasus und die Türkei nach Europa.
2022 vereinbarten die EU und Aserbaidschan, den Südlichen Gaskorridor auszubauen und bis 2027 mindestens 20 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr zu liefern. Die tatsächlichen Mengen liegen bislang deutlich darunter. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine sind alternative Energiequellen und Transportrouten für Europa wichtiger geworden.
Deshalb sind die Beziehungen zwischen Baku und Ankara längst mehr als eine regionale Angelegenheit. Von ihrer Stabilität hängen Energie-, Verkehrs- und Handelsverbindungen zwischen Europa, dem Kaukasus und Zentralasien ab.
Was die beiden Länder verbindet
Die Formel „Eine Nation, zwei Staaten“ wird häufig als politischer Slogan verstanden. Tatsächlich beschreibt sie zwei Realitäten zugleich. Zum einen gibt es eine enge historische und kulturelle Verbindung zwischen den beiden Gesellschaften. Zum anderen existieren zwei souveräne Staaten mit eigenen Interessen.
Nach der Wiederherstellung der Unabhängigkeit Aserbaidschans 1991 war die Türkei das erste Land, das die Unabhängigkeit anerkannte. 1993 schloss Ankara nach der Einnahme von Kelbadschar durch armenische Kräfte die Grenze zu Armenien. Die Türkei unterstützte außerdem Nachitschewan, die aserbaidschanische Exklave zwischen Armenien und Iran.
In den folgenden Jahrzehnten gingen die Beziehungen weit über klassische Diplomatie hinaus und umfassten Kultur, Bildung, Wirtschaft, Verkehr und zahlreiche persönliche Verbindungen.
In der Schuscha-Deklaration von 2021 stehen zwei bekannte Formeln nebeneinander. Mustafa Kemal Atatürk wird der Satz zugeschrieben: „Die Freude Aserbaidschans ist unsere Freude, sein Leid ist unser Leid.“ Heydar Aliyev, der Vater des heutigen Präsidenten, prägte die Formel „Eine Nation, zwei Staaten“. Die Deklaration bezeichnet beide Formeln als nationales und geistiges Erbe der beiden Völker.
Gleichzeitig betont dasselbe Dokument die Unabhängigkeit, die Souveränität und das Prinzip der Nichteinmischung in innere Angelegenheiten. Beide Seiten behalten das Recht auf eine eigenständige Außenpolitik und verpflichten sich zugleich, in Fragen von gemeinsamem Interesse ihre Politik zu koordinieren.
Genau diese Kombination beschreibt die heutigen Beziehungen am besten. Die enge Verbindung zwischen den Gesellschaften bedeutet nicht, dass einer der beiden Staaten dem anderen untergeordnet ist.
Von der Brüderlichkeit zur strategischen Partnerschaft
Hinter der historischen Nähe steht längst ein konkretes System gegenseitiger Interessen. Die Türkei ist zu einem der wichtigsten politischen, wirtschaftlichen, militärischen und verkehrspolitischen Partner Aserbaidschans geworden. Für Ankara ist Aserbaidschan ein zentraler Verbündeter im Südkaukasus, ein wichtiger Energiepartner und eine Verbindung zum Kaspischen Raum und nach Zentralasien.
Während des Zweiten Karabachkriegs 2020 zeigte sich diese Verbindung besonders deutlich. Die eigentlichen Kampfhandlungen wurden von der aserbaidschanischen Armee geführt, die ihren militärischen Fähigkeiten über Jahre hinweg ausgebaut und Waffen aus verschiedenen Ländern beschafft hatte. Die Türkei leistete Baku zugleich wichtige politische und strategische Unterstützung. Beide Seiten dieser Gleichung sind relevant.
Heute baut Aserbaidschan seine militärischen Fähigkeiten weiter aus und entwickelt seine eigene Rüstungsindustrie. Die Zusammenarbeit mit der Türkei ist daher nicht nur als Beschaffung fertiger Waffensysteme zu verstehen. Auf der Rüstungsmesse ADEX 2026 unterzeichneten türkische Unternehmen mit aserbaidschanischen Partnern Vereinbarungen und Verträge im Wert von mehr als 500 Millionen US-Dollar.
Dazu gehören unter anderem Lieferungen von HÜRKUŞ-Ausbildungsflugzeugen, der Loitering Munition Mızrak, dem System Antidot und dem Küstenverteidigungssystem Barbaros. Darüber hinaus wurden Vereinbarungen über eine lokale Produktion sowie ein Vorprotokoll über die Errichtung eines gemeinsamen Werks von ASELSAN und NOVASİS in Nachitschewan unterzeichnet.
Damit funktioniert die gegenseitige Abhängigkeit nicht nur in eine Richtung. Die Türkei unterstützt Aserbaidschan dabei, seine Verteidigungsfähigkeiten eigenständiger zu entwickeln. Gleichzeitig schafft das Bündnis neue Möglichkeiten für den Aufbau einer eigenen industriellen Basis in Aserbaidschan.
Dennoch besteht zwischen beiden Ländern ein deutliches wirtschaftliches und politisches Gefälle. Die Türkei ist Aserbaidschan bei Bevölkerung, Wirtschaft, Industrie und militärischem Potenzial deutlich überlegen. Aserbaidschan ist zudem auf türkisches Territorium als wichtigen Zugang zu den europäischen Märkten und in bestimmten Bereichen der Verteidigung auf türkische Technologien angewiesen.
Für Baku ist es daher besonders wichtig, seine Partnerschaften zu diversifizieren und aus der strategischen Allianz keine einseitige Abhängigkeit entstehen zu lassen.
Auch deshalb hat die Rhetorik über Souveränität für Aserbaidschan eine ganz praktische Bedeutung.
Brüderlichkeit bedeutet nicht Einigkeit in allen Fragen
Zwischen Baku und Ankara gibt es zeitweise unterschiedliche Positionen. Am sichtbarsten waren sie in den vergangenen Jahren bei den Beziehungen zu Israel und beim Krieg in Gaza. Auch bei Russland, Iran, der Energiepolitik und einzelnen regionalen Krisen sehen beide Seiten manches unterschiedlich.
Auf offizieller Ebene gibt es dennoch keinen offenen Konflikt zwischen den beiden Hauptstädten. Die Zusammenarbeit wird weiter ausgebaut.
Wer in der Türkei die aserbaidschanische Regierung kritisiert, ist deshalb nicht feindlich gegenüber Aserbaidschan eingestellt.
Dasselbe gilt umgekehrt für Kritik an der türkischen Regierung in Aserbaidschan. Ilham Aliyev ist seit 2003 an der Macht, Recep Tayyip Erdoğan prägt die türkische Politik seit vielen Jahren. Beide pflegen ein erkennbar enges persönliches Verhältnis. Die Verbindung der beiden Gesellschaften reicht jedoch weiter und würde auch ohne dieses Verhältnis bestehen.
Sie stützt sich auf gemeinsame Geschichte, Sprache, Infrastruktur und wirtschaftliche Interessen. Aus diesem Grund gelten die Türkei und Aserbaidschan vielen in beiden Ländern als natürliche Verbündete.
Für europäische Leser ist diese Unterscheidung wichtig. Man kann das politische System Aserbaidschans oder der Türkei kritisch sehen und trotzdem anerkennen, dass die beiden Gesellschaften eine besondere historische und kulturelle Verbindung haben.
Was die vergangenen Wochen zeigen
Wer nicht auf einzelne Schlagzeilen, sondern auf konkrete politische und wirtschaftliche Schritte schaut, sieht eher eine Vertiefung der Zusammenarbeit.
Ende September und Anfang Oktober fanden in Aserbaidschan die Militärübungen „Einheitsstärke 2026“ mit mehr als 3.500 Soldaten aus Aserbaidschan, der Türkei und Usbekistan statt. Vertreter aus Iran, Georgien, Pakistan und mehreren zentralasiatischen Staaten waren als Beobachter anwesend.
Am 2. Oktober fand in Schuscha ein weiteres trilaterales Treffen der Verteidigungsminister Aserbaidschans, der Türkei und Georgiens statt. Im Mittelpunkt standen die militärische Zusammenarbeit und die regionale Sicherheit.
Für Europa hat das eine konkrete Bedeutung.
Aserbaidschan, die Türkei und Georgien liegen entlang einer der wichtigsten Verbindungen zwischen dem Kaspischen Raum und dem europäischen Markt. Je stabiler diese Verbindung ist, desto größer sind die Möglichkeiten für Energie- und Verkehrsprojekte, darunter auch für den Mittleren Korridor.
In einer Zeit, in der die Lage im Nahen Osten, rund um die Straße von Hormus und im Persischen Golf instabil ist, gewinnen verlässliche Land- und Kaspirouten zusätzlich an Bedeutung.
Aliyevs Aussagen über die Souveränität sind daher für sich genommen kein Hinweis auf eine Krise des aserbaidschanisch-türkischen Bündnisses. Zwei Staaten können enge Verbündete sein und gleichzeitig auf dem Recht auf eine eigenständige Außenpolitik bestehen.
Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.
Zum Autor

Toghrul Hasanzade ist politischer Analyst und freier Autor mit Schwerpunkten in der europäischen Außenpolitik, internationalen Beziehungen und dem postsowjetischen Raum. Er hat Europäische Studien an der Europa-Universität Viadrina studiert und war Stipendiat des Internationalen Parlaments-Stipendiums des Deutschen Bundestages. Seine Texte erscheinen regelmäßig in aserbaidschanischen Medien. Zudem tritt er als Experte für europäische Politik in Fernsehsendungen auf.

