Ein Gastkommentar von Susanne Mattner
Wann fängt die Welt eigentlich an, Benjamin Netanjahu beim Namen zu nennen? Was muss dieser Mann noch alles veranstalten, bevor man aufhört, ihn wie einen ganz gewöhnlichen Regierungschef zu behandeln?
Da steht der israelische Ministerpräsident vor der UN – und während dutzende Diplomaten demonstrativ den Saal verlassen, beschimpft er sie anschließend als „Feiglinge“. Das ist schon eine bemerkenswerte Form von Realitätsverweigerung: Die Leute gehen. Netanjahu erklärt sie zu Feiglingen. Nicht etwa sich selbst zum Problem.
Angriffe auf Kritiker statt Argumente
Und dann braucht es offenbar noch einen persönlichen Seitenhieb auf New Yorks Bürgermeister Zohran Mamdani. Mamdani, der Netanjahus Politik scharf kritisiert, wird von ihm persönlich angegriffen und als antisemitisch bezeichnet. Netanjahu wirft ihm unter anderem vor, ihn zum Schweigen bringen zu wollen.
Ausgerechnet Netanjahu. Ein Regierungschef, gegen den der Internationale Strafgerichtshof einen Haftbefehl wegen des Verdachts auf Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit erlassen hat. Ein Regierungschef, der in Israel selbst wegen schwerer Korruptionsvorwürfe vor Gericht steht – und der trotzdem vor der Weltbühne den moralischen Oberlehrer gibt.
Und dann steht da dieser Bürgermeister und sagt sinngemäß: Nein. Mit mir nicht. Mamdani lässt sich nicht einschüchtern, widerspricht ihm öffentlich und stellt die politische Verantwortung Netanjahus infrage.
Und was macht Netanjahu? Er argumentiert nicht mit Mamdani. Er greift Mamdani an.
Die Umkehrung von Ursache und Wirkung
Das ist der eigentliche Punkt dieser Szene. Denn sobald die Argumente ausgehen, wird aus dem politischen Gegner plötzlich der moralisch Verdächtige. Und wenn der Kritiker dann auch noch ein Bürgermeister ist, der gerade erst von den New Yorker Wählerinnen und Wählern ins Amt gewählt wurde, wird es endgültig absurd.
Netanjahu kommt nach New York, um der Welt die Wahrheit zu erklären. Die Welt antwortet, indem sie aufsteht und geht. Und Netanjahus Antwort darauf lautet: Feiglinge!
Man muss dieses Bild eigentlich nur lange genug betrachten. Ein Saal leert sich. Ein Regierungschef verliert sein Publikum. Und anschließend erklärt er diejenigen, die gegangen sind, zum Problem. Vielleicht ist das mittlerweile die treffendste politische Pointe dieser ganzen Veranstaltung.
Wer ist hier der moralische Schiedsrichter?
Und Mamdani? Der steht da und macht genau das, was ein gewählter Politiker selbstverständlich tun darf: einen mächtigen Regierungschef öffentlich kritisieren. Netanjahu scheint damit deutlich weniger gut umgehen zu können als mit einer leeren Sitzreihe.
Vielleicht sollte man deshalb nicht mehr fragen, wann die Welt Netanjahu ernst nimmt. Vielleicht sollte man langsam fragen, wann die Welt endlich aufhört, ihn für den moralischen Schiedsrichter zu halten, als den er sich selbst inszeniert.
Denn wenn bei einer Rede die Diplomaten gehen und der Redner anschließend die Gehenden beschimpft, sollte man vielleicht nicht über die Feigheit der Zuschauer diskutieren. Sondern über die Qualität der Rede.
Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.
Zum Autor

Susanne Mattner wurde im Ruhrgebiet geboren und studierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaften sowohl in den USA als auch an der Universität Dortmund. Nach ihren Studienstationen verbrachte sie in den 1990er-Jahren auch einige Zeit im Nahen Osten. Nach ihren längeren Auslandsaufenthalten lebt sie heute verheiratet in Hamburg. In ihren Beiträgen verfolgt sie aufmerksam das internationale Zeitgeschehen mit einem geschulten Blick für mediale Narrative. Ihre Schwerpunkte liegen auf geopolitischen Entwicklungen im Nahen Osten, gesellschaftlichen Debatten sowie der kritischen Analyse doppelter Standards in der Berichterstattung.
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