Lazzarini im Interview
Früherer UNRWA-Chef Philippe Lazzarini verurteilt Israel und den Westen

Im Interview mit Le Temps fordert der ehemalige UNRWA-Chef Philippe Lazzarini Aufklärung über Gaza und kritisiert die internationale Gemeinschaft scharf.

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Genf – Der ehemalige Leiter des Hilfswerks der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge (UNRWA), Philippe Lazzarini, hat in einem neuen Buch und einem Interview mit der Schweizer Zeitung Le Temps schwere Vorwürfe gegen die internationale Gemeinschaft und Israel erhoben. Er spricht von einer gezielten Desinformationskampagne, heuchlerischer Untätigkeit des Westens und warnte rückblickend vor den katastrophalen Folgen der Zerstörung des Gazastreifens.

Nach seinem Rücktritt von der Spitze der UNRWA im Frühjahr 2026 hat sich der Schweizer Philippe Lazzarini mit einer umfassenden Aufarbeitung seiner sechsjährigen Amtszeit an die Öffentlichkeit gewandt. In seinem Werk „Témoin de Gaza: ce qui ne s’efface pas“ (Ein Zeuge von Gaza: Was nicht gelöscht werden kann) sowie im Gespräch mit der Schweizer Tageszeitung Le Temps legt der frühere UN-Diplomat dar, wie das UN-Hilfswerk systematisch attackiert worden sei und wie die internationale Politik trotz klarer Warnsignale tatenlos zugesehen habe.

Lazzarini betonte im Interview, dass es ihm mit dem Buch nicht um Rache oder das Begleichen alter Rechnungen gehe, sondern um einen auf Fakten gestützten Bericht. Er habe in den vergangenen drei Jahren als „privilegierter Zeuge eines außergewöhnlich dunklen Kapitels der Geschichte“ fungiert.

Die Aufarbeitung der Ereignisse zeige rückblickend das volle Ausmaß und die Heuchelei der Untätigkeit der internationalen Gemeinschaft. Man habe alles gewusst und die Implikationen gekannt – nicht nur für die Menschen vor Ort, sondern auch für das Völkerrecht, die Beschlüsse des UN-Sicherheitsrates und die Urteile des Internationalen Gerichtshofs. Dies habe zu einer tiefgreifenden Schwächung des multilateralen Systems geführt.

Warnsignale vor dem 7. Oktober und Vorwurf der Nachlässigkeit

Rückblickend beschrieb Lazzarini die Situation im Gazastreifen vor den Angriffen vom 7. Oktober 2023 als ein Umfeld, das unter einem permanenten Blockaderegime und extremer Armut gelitten habe. Die Bevölkerung habe seit der Machtübernahme des Hamas im Jahr 2007 in einem „Freiluftgefängnis“ gelebt. Zahlreiche Indikatoren in den Flüchtlingslagern hätten darauf hingedeutet, dass die Lage unerträglich sei und erneut explodieren werde.

Auf israelischer Seite habe man jedoch an einer Politik des Einschließens festgehalten. Lazzarini merkte an, dass, wenn Entwicklungs- und Hilfsorganisationen die Anzeichen eines bevorstehenden Ausbruchs erkennen konnten, davon auszugehen sei, dass auch ein hochgerüsteter Geheimdienst über entsprechende Informationen verfügt haben müsse. Den israelischen Behörden warf er eine selbstgefällige Haltung vor. Das systematische Reagieren mit Gewalt habe den Nährboden für Verzweiflung und nachfolgende Gewalt weiter genährt.

Die Anschuldigungen gegen UNRWA-Mitarbeiter und der Zahlungsstopp

Besonders eingehend schilderte Lazzarini im Gespräch mit Le Temps die Ereignisse rund um die Vorwürfe, UNRWA-Mitarbeiter seien an den Angriffen vom 7. Oktober beteiligt gewesen. Während Vorwürfe bezüglich einer Nutzung von Räumlichkeiten oder Tunnelsystemen durch die Hamas nie stichhaltig bewiesen worden seien, habe die direkte Beschuldigung von Mitarbeitern die Existenz der Organisation bedroht. In den Augen der israelischen Führung sei die Behörde nicht mehr als notwendiges Übel betrachtet worden, sondern als ein Übel, das es zu beseitigen gelte.

Überraschend sei auch die Art und Weise der Übermittlung dieser Vorwürfe am 18. Januar 2024 gewesen: Die Information sei Lazzarini während eines inoffiziellen Treffens in einem Hotel durch den stellvertretenden israelischen Direktor für auswärtige Angelegenheiten vorgelegt worden, als die Dokumente noch nicht einmal ins Englische übersetzt waren.

Die israelische Seite habe offenbar nicht damit gerechnet, dass die UNRWA die Vorwürfe umgehend ernst nehmen und an internationale Partner – darunter die US-Regierung – weiterleiten würde. Dass in der Folge zahlreiche Geberstaaten ihre Finanzhilfen vorsorglich einfroren, führte Lazzarini auf die politische Polarisierung und die Angst vor Reaktionen der eigenen Öffentlichkeit in westlichen Ländern zurück.

Ein Informationskrieg und politischer Druck auf das UN-Hilfswerk

Laut Lazzarini beschränkten sich die Maßnahmen gegen das Hilfswerk nicht nur auf Vorwürfe, sondern umfassten eine beispiellose Narrativ- und Desinformationskampagne. Enorme finanzielle Mittel seien für Online-Werbekampagnen aufgewendet worden, um Gesetzgeber in Geberländern zu beeinflussen. Hinzu kamen Gesetzesinitiativen in Israel zur Entmachtung der UNRWA, die Besetzung und teilweise Zerstörung von Büros in Ost-Jerusalem sowie zivilrechtliche Klagen in den USA.

Trotz Aufrufen aus den USA und Großbritannien zu seinem Rücktritt habe sich Lazzarini bewusst gegen ein vorzeitiges Amtseinehen entschieden. Ein Rücktritt hätte nicht ihn als Person getroffen, sondern das Amt des Generalkommissars nachhaltig geschwächt und den Druck auf seinen Nachfolger erhöht, sich öffentlich bedeckt zu halten. Zudem betonte er, dass UN-Generalsekretär António Guterres ihm stets uneingeschränkte Unterstützung entgegengebracht habe. Ein Rücktritt hätte die UN insgesamt weiter geschwächt und den Palästinensern eine wesentliche Stimme rauben können, da internationale Medien bis heute keinen freien Zugang zum Gazastreifen erhielten.

Haltung der Schweizer Politik und Zukunftsplanungen

Kritisch äußerte sich Lazzarini auch zur Rolle der offiziellen Schweizer Politik. Während die Schweizer Regierung und Teile des Parlaments eine ausgeprägte Empathie für Israel gezeigt hätten und sich schwer täten, Solidarität mit der palästinensischen Bevölkerung zu zeigen, habe er aus der Verwaltung durchaus Signale der Unterstützung und Bestürzung über die verfolgte Politik erhalten.

Für seine persönliche Zukunft kündigte Lazzarini an, seine 35-jährige Erfahrung im humanitären Bereich und in den internationalen Beziehungen nutzen zu wollen, um Wissen an jüngere Generationen weiterzugeben. Die Leitung einer internationalen Organisation strebe er jedoch nicht mehr an.

 


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