Gastbeitrag
Die „Andonian-Dokumente“ und der Einfluss der Kriegspropaganda

Gastbeitrag von Kemal Bölge über die „Andonian-Dokumente“: Eine historisch-kritische Analyse zu Fälschungen, Kalenderfragen und der Rolle britischer Kriegspropaganda.

Teilen

Ein Gastbeitrag von Kemal Bölge

Die Verfechter der armenischen Genozidthese und ihre Unterstützer versuchen seit Jahrzehnten mit allen Mitteln die Öffentlichkeit von einem Genozid an den Armeniern zu überzeugen. In einigen Landesparlamenten waren sie damit erfolgreich, aber der Grund dafür besteht nicht etwa in der Entdeckung von neuen Archivdokumenten oder dergleichen, sondern in einer guten Lobbyarbeit der armenischen Diaspora.

Die von der Historikerin Tessa Hofmann in ihrem Gasteitrag im Tagesspiegel  vorgetragene Behauptung die „Andonian-Dokumente“ seien echt und damit wäre eine Vernichtungsabsicht bewiesen, entbehrt jeglicher Grundlage.

Bereits in den 90er Jahren hatten Historiker wie Klaus Kreiser, Andrew Mango, Michael M. Gunter oder Erick Zürcher auf die gefälschten Telegramme in den Andonian-Dokumenten hingewiesen.

Kalenderrechnung und Datierungsfehler

Die im Artikel erwähnten beiden Wissenschaftler Şinasi Orel und Süreyya Yuca fanden in den von Aram Andonian 1919 veröffentlichten Papers neben zahlreichen Unstimmigkeiten vor allem die falsche Datierung der Dokumente als entscheidend. Hofmann und Taner Akçam gehen auf diese Details, die ich Anhand von zwei Beispielen erläutern werde, mit keinem Wort ein.

 Ich will es für Laien mit einfachen Worten erklären. Im Gegensatz des in Europa verwendeten gregorianischen Kalenders, wurde im Osmanischen Reich (Ämter, Behörden etc.) zum damaligen Zeitpunkt der Rumi-Kalender verwendet.

Der osmanische Rumi-Kalender weist gegenüber dem gregorianischen Kalender einen Unterschied von 584 Jahren und 13 Tagen auf. Wer beispielsweise vom osmanischen Kalender auf den gregorianischen Kalender umrechnet, muss die Differenz hinzuaddieren. Es gibt aber noch einen weiteren Faktor, der unbedingt beachtet werden muss.

Der Jahresanfang beim Rumi-Kalender beginnt nicht wie beim gregorianischen Kalender am 01. Januar, sondern am 01. März. Die letzten zwei Monate des Jahres sind beim osmanischen Kalender nicht der November und Dezember, sondern der Januar und Februar.

Es sei hier noch erwähnt, dass die Differenz von 13 Tagen 1917 durch ein Gesetz abgeschafft wurde und der Jahresanfang vom 01. März auf den 01. Januar vorverlegt wurde. In einem Dokument, das Andonian veröffentlichte, findet sich das osmanische Rumi-Kalenderdatum 18. Februar 1331.

Wenn man dies in den gregorianischen Kalender umrechnet, 1916 war ein Schaltjahr, der 02. März 1916. Das wäre aber neun Monate nach dem Umsiedlungsbeschluss der osmanischen Regierung. Es handelt sich um ein vermeintliches Telegramm von Bahattin Şakir Bey, den dieser von Istanbul nach Adana übermittelt haben soll, nur befand er sich zu diesem Zeitpunkt nicht in Istanbul, sondern in der osttürkischen Stadt Erzurum.

Ungereimtheiten bei Unterschriften und Siegeln

Beim zweiten Beispiel handelt es sich um das Dokument Nummer 502 aus den erwähnten „Andonian Papers“. Der ehemalige Gouverneur von Aleppo, Mustafa Abdülhalik Bey, soll ein amtliches Dokument an den damaligen Innenminister Talat Pascha unterschrieben und versendet haben. Datiert ist es auf den 3. September 1331, also nach dem gregorianischen Kalender der 16. September 1915.

Das Problem dabei: Mustafa Abdülhalik Bey wurde erst am 10. Oktober 1915 zum Gouverneur von Aleppo ernannt und trat am 14. Oktober sein Amt an. Folglich kann er dieses amtliche Dokument am 16. September 1915 gar nicht unterschrieben und versendet haben.

Neben dieser Unstimmigkeit ist auch die Unterschrift von Mustafa Abdülhalik Bey eine Fälschung. Ferner fehlt in dem Schreiben auch das offizielle Siegel des Osmanischen Reiches und das Besmele Zeichen. Die gesamte Publikation der „Andonian Papers“ ist durchsetzt mit Fehlern und Unstimmigkeiten und ließe sich fortführen.

Ferner behaupten Hofmann und Akçam, dass die beiden türkischen Wissenschaftler Orel und Yuca in ihrer Arbeit die Existenz des osmanischen Beamten Naim Bey bestreiten, also gar nicht existiert habe. Das ist nicht richtig, weil Orel und Yuca in ihrem Buch von drei Möglichkeiten zur Person von Naim Bey ausgehen:

a) Bei Naim Bey handelt es sich um eine fiktive Person

b) Naim Bey ist ein fingierter Name bzw. ein Pseudonym

c) Naim Bey ist eine real existierende Person

Anders ausgedrückt gehen Orel und Yuca davon aus, dass es unter den vorhandenen Informationen nicht möglich ist, zu einem abschließenden Urteil zu kommen.

Die Mechanik der Kriegspropaganda

Während des Ersten Weltkriegs wurde in Ländern wie Großbritannien, Deutschland, Frankreich und anderen Staaten Kriegspropaganda betrieben. Das Ziel von Kriegspropaganda ist vielfältig, denn die Medien spielen darin eine große Rolle, auch wenn es mit unseren heutigen Maßstäben nicht vergleichbar ist.

Zum besseren Verständnis: Frankreich, Großbritannien und später die Vereinigten Staaten waren Kriegsgegner Deutschlands während des Ersten Weltkriegs. So wurde in diesen Staaten durch die betriebene Propaganda eine regelrechte antideutsche Stimmung erzeugt. In Großbritannien wurde im Wellington House ein „War Propaganda Bureau“ eingerichtet, aber die Existenz eines solchen Büros wurde geheim gehalten.

So gab es immer wieder Berichte über deutsche Gräueltaten in Belgien. Es soll hier aber nicht der Eindruck erweckt werden, dass deutsche Truppen keine Massaker begangen haben. Das Massaker von Dinant/Belgien sei hier als Beispiel genannt. Vielmehr geht es um die Instrumentalisierung für die Kriegspropaganda, denn die Presse, Populärliteratur, Postkarten, aber auch Karikaturen bedienten das Bild des „deutschen Barbaren“, der sich an unschuldigen Frauen vergreift. Der gerade erwähnte Fall von Propaganda ließe sich fortführen, allerdings sollte das kurz als Erklärung angerissen werden.

Historische Aufarbeitung und die Rolle der Verlage

In der Geschichtswissenschaft ist das Thema der Kriegspropaganda während des Ersten Weltkriegs gegenüber Deutschland weitgehend aufgearbeitet und derartige Publikationen werden nicht als seriöse Quellen herangezogen.

Das lässt sich in Bezug auf das Osmanische Reich leider nicht sagen, denn das britische „War Propaganda Bureau“ ließ massenweise Publikationen über angebliche türkische Massaker an Armeniern veröffentlichen. Hier einige Titel, die eindeutig als Kriegspropaganda einzustufen sind. Von Arnold J. Toynbee (1915) Armenian atrocities: the murder of a nation, Viscount Bryce (1916) The treatment of Armenians in the Ottoman Empire. Es handelt sich um die berühmte Propagandaschrift „Blue Book“.

Das Deutsche Reich war mit Österreich-Ungarn, Bulgarien und dem Osmanischen Reich verbündet. Also Großbritannien war Kriegsgegner des Osmanischen Reiches und die Armenier bzw. die armenischen Milizen wurden unter anderem von Großbritannien, Frankreich und Russland unterstützt. Das dritte Buch ist von A.P. Jacowbean und James Bryce (1917) Armenia and the War.

Alle diese Bücher erschienen damals beim gleichen Verlag: Hodder and Stoughton, der noch heute existiert. Wie bereits erwähnt, publizierte Aram Andonian 1919 seine „Andonian Papers“, aber relevant dabei ist, in welchem Verlagshaus er das tat: Bei Hodder and Stoughton.

Der Verlag, der damals Kriegspropagandaschriften im Auftrag des britischen Kriegspropagandabüros veröffentlichte. Die Bücher, die ich genannt habe, werden noch heute als seriöse Quellen seitens der armenischen Diaspora und ihrer akademischen Unterstützer aufgelistet.

Man muss sich das kurz vergegenwärtigen. Kriegspropagandapublikationen, die während des Ersten Weltkriegs über die Kriegsgegner erschienen sind, das Beispiel Deutschland habe ich erwähnt, sind weitgehend aufgearbeitet, aber beim Osmanischen Reich ist das nicht der Fall und es wird noch immer so getan, als ob es sich bei diesen Schriften um Faktenerzählungen handelt, obwohl der propagandistische Zweck offensichtlich war und ist.


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


Zum Autor

Kemal Bölge, studierter Politologe und Historiker. Ressortleiter Balkan bei der Forschungseinrichtung für Mezalim. Er schreibt zudem als freier Autor für verschiedene Online-Publikationen. Seine Schwerpunkte sind die Außen- und Sicherheitspolitik, insbesondere die Beziehungen EU-Türkei, die zukünftige Struktur der NATO und die Außen- und Sicherheitspolitik der Türkei.


 

Auch interessant

Beschneidung in Hamburg: Methoden, Ablauf, Kosten und Arztwahl

Eine Beschneidung, medizinisch Zirkumzision genannt, kann aus unterschiedlichen Gründen erwogen werden. Welche Methode infrage kommt und wie der Eingriff abläuft, hängt unter anderem davon...

„Elif Eralp, bitte mach es anders“: Herkunft ist kein politisches Mandat

Ein Gastkommentar von Aras Karasun Wir gratulieren Elif Eralp und sagen gleichzeitig sehr deutlich, was wir befürchten: Es ist ein offener Brief an alle türkischstämmigen...

Rekord: Mamdani lässt zehntausende Bäume pflanzen

New York – Unter Bürgermeister Zohran Mamdani wurden in der US-Metropole New York im abgelaufenen Haushaltsjahr 2026 so viele Bäume gepflanzt wie seit einem...

US-Senat blockiert Bericht über Tod von neun Amerikanern im Westjordanland

Washington – Der US-Senat hat einen Bericht über die Tötung von neun amerikanischen Staatsbürgern im Westjordanland blockiert. Eine entsprechende Resolution des demokratischen Senators Chris...

Nach Karabach: Warum der Frieden zwischen Armenien und Aserbaidschan für Europa wichtig ist

Ein Gastkommentar von Toghrul Hasanzadeh Als EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen im Juli 2026 Baku und Eriwan besuchte, ging es längst nicht mehr nur um...

Headlines

Pantisano attackiert Bundesregierung: Linken-Chef sieht Merz-Politik gescheitert

Berlin - Der Co-Bundesvorsitzende der Partei Die Linke, Luigi Pantisano, hat die Sozialpolitik von Bundeskanzler Friedrich Merz und der...

US-Senat blockiert Bericht über Tod von neun Amerikanern im Westjordanland

Washington – Der US-Senat hat einen Bericht über die Tötung von neun amerikanischen Staatsbürgern im Westjordanland blockiert. Eine entsprechende...

Kurdenpolitik und Hamas: Netanjahu plant Klage gegen Erdoğan

Tel-Aviv - Der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu hat Berichten zufolge ein behördenübergreifendes Juristenteam angewiesen, eine Klage gegen den türkischen...

Rekord: Mamdani lässt zehntausende Bäume pflanzen

New York – Unter Bürgermeister Zohran Mamdani wurden in der US-Metropole New York im abgelaufenen Haushaltsjahr 2026 so viele...

Meinung

Pantisano attackiert Bundesregierung: Linken-Chef sieht Merz-Politik gescheitert

Berlin - Der Co-Bundesvorsitzende der Partei Die Linke, Luigi Pantisano, hat die Sozialpolitik von Bundeskanzler Friedrich Merz und der CDU scharf kritisiert. In einem...

US-Senat blockiert Bericht über Tod von neun Amerikanern im Westjordanland

Washington – Der US-Senat hat einen Bericht über die Tötung von neun amerikanischen Staatsbürgern im Westjordanland blockiert. Eine entsprechende Resolution des demokratischen Senators Chris...

Rapor: Afrika Gençliği Ruh Sağlığında Dünya Lideri

Londra - Maddi refah, ruh sağlığının garantisi değil. Şubat 2026 sonunda yayımlanan yeni bir küresel rapor, zihinsel esenlik haritasını temelden sarstı. İngiltere, Japonya ve Yeni...

The Economist: Erdoğan, Müslüman dünyasının en popüler politikacısı

Londra - Neredeyse iki milyar insandan oluşan devasa ve çeşitlilik arz eden bir topluluk olan küresel Müslüman topluluğu Umma/Ümmet içinde, birleştirici bir temsilci arayışı...

CHP: Vatandaşlar ile Parti Arasındaki Artan Kopuş

Nabi Yücel Vatandaşlarla partiler arasındaki giderek derinleşen kopuş, Türkiye'nin en köklü partisi CHP üzerinden somut biçimde gözlemlenebilir. Cumhuriyet Halk Partisi, 38. Olağan Kurultay'ın ardından ve...