Ein Gastkommentar von Hakan Gördü
Die Berliner Landtagswahl ist entschieden: Die Linke wurde mit 25,7 Prozent stärkste Kraft. An ihrer Spitze stand Elif Eralp, eine Politikerin mit türkischen Wurzeln, die in den vergangenen Monaten weit über die Grenzen Berlins hinaus Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat.
Nach der Wahl veröffentlichte der Influencer Tuğrul Selmanoğlu ein Video über Eralp. In diesem Gastkommentar setze ich mich kritisch mit seinen Aussagen auseinander.
Unser Tuğrul misst die Türkischkeit
Es gibt Menschen, die in Deutschland leben, aber ihre gesamte politische Energie darauf verwenden, bedingungslos für eine Partei in der Türkei Werbung zu machen. Und dann gibt es offenbar Menschen, die anschließend darüber entscheiden wollen, wer eigentlich türkisch genug ist.
Unser Tuğrul gehört offenbar zur zweiten Kategorie.
Ich kannte Elif Eralp vor diesem Wahlkampf nicht persönlich. Erst im Zusammenhang mit der Berliner Wahl habe ich mich näher mit ihr beschäftigt. Ich muss deshalb auch nicht mit allem einverstanden sein, was sie politisch vertritt.
Aber ich kann ihre Leistung anerkennen. Nach ihrem Wahlsieg sagte sie auf Türkisch: „Tarih yazdık arkadaşlar“ – „Wir haben Geschichte geschrieben, Freunde.“ Sie hat sich in Deutschland klar zu den Menschen in Gaza positioniert und sich gegen rassistische Parteien und Ausgrenzung gestellt. Sie ist als Frau mit türkischer Familiengeschichte in einem schwierigen politischen Klima angetreten und hat dabei einiges riskiert.
In welchem politischen Klima hat sie gewonnen
Man sollte sich einmal anschauen, in welchem politischen Klima dieser Wahlsieg zustande kam. Die AfD kam in Berlin auf 16,3 Prozent. Gleichzeitig wurde Eralp von rechten Medien teilweise als „Deutschlands gefährlichste Frau“ bezeichnet.
In genau diesem Klima trat eine Frau mit türkischer Familiengeschichte an, die sich für Migranten, Muslime und Kinder einsetzt, die mit Rassismus konfrontiert sind. Sie hat sich nicht versteckt, sondern sich in diesem politischen Umfeld klar positioniert.
Und was macht unser Tuğrul? Er beschäftigt sich ausführlich mit Elif Eralp. Über die AfD verliert er dagegen offenbar deutlich weniger Worte.
Die Fragen unseres Tuğrul und unsere Antworten
Ein Teil der Diskussion dreht sich um Eralps Familie. Ihre Eltern verließen die Türkei nach dem Militärputsch vom 12. September 1980. Nach Angaben der türkischen Menschenrechts- und Gleichstellungsbehörde wurden damals rund 650.000 Menschen festgenommen, 517 Menschen zum Tode verurteilt und 50 Menschen hingerichtet. Eralps Mutter war damals im achten Monat schwanger. Die Familie floh aus der Türkei und kam nach Deutschland.
Wenn man fragt, wovor diese Menschen damals flohen, ist das keine Frage gegen die Türkei und auch kein Angriff auf die türkische Identität. Es ist eine historische Frage. Wer den 12. September 1980 heute kleinredet, muss sich fragen lassen, welches Verständnis von Geschichte dahintersteht.
Eralps politische Jugend wird ebenfalls zum Thema gemacht. Sie engagierte sich in der Umweltbewegung und bei Protesten gegen die Atomkraft, unter anderem bei den Castor-Protesten. Auch das wird in dem Video offenbar als etwas dargestellt, das man ihr vorhalten müsse.
Ich sehe das völlig anders. Wenn ein junger Mensch sich Gedanken über seine Umwelt macht, gegen Atomkraft demonstriert und sich politisch engagiert, dann ist das zunächst einmal eine Stärke. Elif Eralp war schon als Jugendliche politisch aktiv und hat sich für Themen eingesetzt, die sie wichtig fand.
Und auch hier frage ich mich: Warum soll man daraus einen Vorwurf machen?
„Ohne ihre Türkischkeit aufzugeben, kann dort niemand aufsteigen“
Besonders interessant wird es bei der Frage nach Eralps Türkischkeit.
Wenn die Botschaft lautet, dass in einer deutschen Partei niemand mit türkischer Herkunft aufsteigen könne, ohne seine Türkischkeit aufzugeben, dann stellt sich doch die Frage: Was genau soll das bedeuten?
Zohran Mamdani ist dafür ein Beispiel. Er wurde in New York zum Bürgermeister gewählt und legte seinen Amtseid auf den Koran ab.
Auch Humza Yousaf wurde in Schottland Regierungschef. Er hat seine Herkunft nie versteckt und sich auch sprachlich immer wieder auf seine familiären Wurzeln bezogen, unter anderem auf Urdu.
Und Elif Eralp? Sie spricht Türkisch. Sie hat ihren Wahlsieg auf Türkisch gefeiert. Und die Partei, deren Spitzenkandidatin sie war, erhielt 25,7 Prozent der Stimmen.
Wo genau soll da das Problem liegen?
Die Vorstellung, man müsse seine Herkunft aufgeben, um in einer deutschen Partei erfolgreich zu sein, ist für mich nichts anderes als Kahvehane-Muhabbet – Stammtischgerede.
Es geht nicht um Türkischkeit, sondern um Fähigkeiten
Die eigentliche Frage lautet doch nicht: Wie türkisch ist Elif Eralp? Die Frage lautet: Was kann sie politisch leisten?
Wer in Deutschland lebt, sollte Menschen nicht danach beurteilen, ob sie genau in das eigene Bild eines „richtigen Türken“ passen. Türkischsein bedeutet nicht, andere Menschen auszugrenzen. Türkischsein bedeutet auch nicht, jede politische Debatte in Deutschland durch die Brille der türkischen Innenpolitik zu betrachten.
Das Problem ist für mich eine bestimmte Form von Identitätspolitik, bei der ständig danach gefragt wird, wer „einer von uns“ ist und wer nicht. Menschen, die sich für Linke, Menschenrechte oder andere gesellschaftliche Themen einsetzen, werden angegriffen, während die AfD viel zu oft aus dem Blick gerät.
Diese Mentalität kenne ich noch aus meiner Zeit bei der UETD. Und Tuğrul war für mich schon damals ein ziemlich seltsamer Typ. Besonders durch großen Fleiß oder außergewöhnlichen Einsatz ist er mir jedenfalls nicht aufgefallen.
Umso erstaunlicher finde ich, wenn ausgerechnet solche Leute anderen erklären wollen, wer politisch erfolgreich sein darf und wer nicht.
Das ist auch unsere eigene Bilanz
Es ist besonders bitter, wenn Menschen mit türkischem Hintergrund nach dem Wahlsieg von Elif Eralp erklären, sie hätten sich darüber nicht gefreut. Denn wer ist der politische Gegner, über den wir sprechen?
Die AfD erhielt 16,3 Prozent. Und während eine Frau aus unserer Community bei einer solchen Wahl einen historischen Erfolg erzielt, beschäftigt sich ein Teil der Diskussion lieber damit, ob sie türkisch genug ist. Das ist auch unsere eigene Bilanz.
Türken leben seit mehr als 60 Jahren in Deutschland und Österreich. Trotzdem sind Menschen mit türkischer Einwanderungsgeschichte in vielen Bereichen der Politik noch immer unterrepräsentiert. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Diskriminierung gehört dazu.
Aber auch diejenigen, die ständig Nationalismus schüren und Menschen aus den eigenen Reihen angreifen, sobald diese politisch einen anderen Weg einschlagen, tragen ihren Teil dazu bei.
Wir sollten uns deshalb endlich fragen, wo unsere politischen Interessen eigentlich liegen. Die Miete, die Schule unserer Kinder, der Arbeitsplatz, kommunale Leistungen oder Fragen des Aufenthalts- und Staatsangehörigkeitsrechts werden nicht in Ankara entschieden. Sie werden in Berlin, Wien oder in den jeweiligen Städten und Ländern entschieden.
Wer in Berlin lebt, sollte deshalb auch die Politik in Berlin ernst nehmen. Wer in Wien lebt, sollte sich mit den politischen Entscheidungen in Wien beschäftigen. Und wer in Favoriten lebt, sollte wissen, wer dort über die konkreten Lebensbedingungen der Menschen entscheidet.
Darum sollten wir irgendwann aufhören zu fragen:
„Ist dieser Mensch einer von uns oder einer von denen?“
Die wichtigere Frage lautet: Ist dieser Mensch gut für die Menschen, die hier leben? Kann er etwas bewegen? Und trägt er dazu bei, dass unsere Kinder eine bessere Zukunft haben?
Was junge Frauen aus Eralps Wahlsieg mitnehmen können
Vielleicht ist genau das der wichtigste Punkt an dieser Wahl. Ein junges Mädchen mit türkischer Familiengeschichte kann Elif Eralp sehen und denken: Ich kann das auch.
Ich kann mich politisch engagieren. Ich kann kandidieren. Ich kann Verantwortung übernehmen. Ich muss nicht erst beweisen, dass ich „türkisch genug“ bin.
Die Botschaft, die manche dagegen vermitteln, lautet sinngemäß: Geh nicht zu weit. Verändere dich nicht. Bewege dich nicht in diese Richtung – sonst bist du irgendwann kein richtiger Türke mehr. Das macht niemanden türkischer. Und es macht auch niemanden stärker.
Wenn ein junges Mädchen dagegen sieht, dass eine Frau mit türkischer Familiengeschichte in Berlin an der Spitze einer Partei stehen und 25,7 Prozent erreichen kann, dann kann daraus etwas Positives entstehen: die Vorstellung, dass auch sie selbst politisch Verantwortung übernehmen kann.
Und ganz ehrlich, lieber Tuğrul: Du hast dich sogar darüber ausgelassen, dass Elif Eralp zu Hause mit Schuhen herumläuft.
Vergessen wir die Schuhe.
Sprechen wir über den Stimmenanteil: 25,7 Prozent.
Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.
ZUM AUTOR

Hakan Gördü ist österreichischer Politiker, Unternehmer und Gründer der Partei SÖZ – Soziales Österreich der Zukunft. Der aus der Türkei stammende Gördü engagiert sich seit Jahren politisch für die Interessen von Menschen mit Migrationsgeschichte und für deren stärkere gesellschaftliche und politische Teilhabe. Als Gründer und langjähriger Obmann der SÖZ war er insbesondere in der österreichischen Innenpolitik aktiv. In seinen Beiträgen beschäftigt er sich mit politischen Entwicklungen in Österreich und Deutschland, Fragen der Integration und Repräsentation sowie dem Verhältnis von Menschen mit türkischem Hintergrund zu Politik und Gesellschaft in Europa.
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