Wirtschaft
Finanzsystem: Weltweit höchste Verschuldung aller Zeiten

Die Kombination aus Geldschwemme, Niedrig- und Nullzinsen, Aktienrückkäufen durch Konzerne und Aktien- und Anleihenkäufe durch Zentralbanken zeigt: Wir haben es zurzeit mit dem am stärksten manipulierten System in der gesamten Geschichte der Finanzindustrie zu tun. Ein Kommentar.

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Von Ernst Wolff

Die Börsen boomen, die Kurse eilen von Rekord zu Rekord. Der US-Aktienindex Dow Jones stieg vergangene Woche erstmalig über 23.000 Punkte, der japanische Nikkei erreichte mit über 21.000 Punkten den höchsten Stand seit 21 Jahren, der DAX überschritt zum ersten Mal die Marke von 13.000 Punkten.

Auch das Tempo, in dem die Rekordstände erreicht werden, ist außergewöhnlich: Der Dow Jones hat seit der Wahl von Präsident Trump mit 4.600 Punkten mehr als 25 Prozent zugelegt und allein in diesem Jahr bereits über 50 neue Höchststände erzielt. Der Dax hatte erst im Februar die 12.000er-Marke überschritten und noch im Dezember 2016 bei 10.500 Punkten gelegen.

Rückblick: Der Crash von 1987

Während dieser historischen Rekordjagd jährte sich vergangene Woche zum dreißigsten Mal ein Ereignis, das daran erinnert, wie plötzlich sich das Bild an den Börsen ändern kann: der Börsencrash von 1987. Am 19. Oktober 1987 kam es zum schwersten Kurseinbruch nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Dow Jones verlor innerhalb eines Tages 22,6 Prozent, die Aktienkurse in Kanada und Hongkong fielen bis zum Monatsende um mehr als 40 Prozent.

Auch damals hatte die Welt Börsen erlebt, die zuvor nur eine Richtung kannten: Aufwärts. Der Dow Jones hatte seit 1982 einen rasanten Bullenmarkt erlebt, allein in den zwei Jahren vor dem Crash waren die Kurse um 50 Prozent gestiegen – ohne dass es einen entsprechenden Zuwachs bei den Unternehmensgewinnen gegeben hätte.

Damit aber erschöpfen sich die Parallelen zwischen der damaligen und der heutigen Situation bereits, denn die Umstände von 1987 haben mit denen von heute nicht viel gemeinsam. Die derzeitige Situation ist wesentlich extremer und birgt erheblich höhere Risiken als die vor dreißig Jahren.

Die Risiken sind exponentiell gestiegen

Der derzeitige Aufwärtstrend hält mit mit wenigen Unterbrechungen seit fast zehn Jahren (!) an und hat sich mittlerweile von der schleppenden globalen Wirtschaftsentwicklung vollständig abgekoppelt. Er fällt in eine Zeit zunehmender politischer Spannungen und wird durch Faktoren getrieben, die 1987 noch keine Rolle gespielt haben.

Zum einen sind in den letzten zehn Jahren mehr als 16 Billionen Dollar ins globale Finanzsystem gepumpt worden, zum anderen ist dieses Geld zu immer niedrigeren, teilweise unter Null liegenden Zinssätzen vergeben worden – eine Entwicklung, die es in der Geschichte der Finanzwirtschaft so noch nicht gegeben hat.

Allein die riesige Geldmenge hätte für gewaltige Blasen an den Aktienmärkten gesorgt und die Risiken erhöht. Kombiniert mit den Niedrig- und Nullzinsen hat sie allerdings wahre Tretminen ausgelegt: Kleineren Kreditinstituten ist die Grundlage für ihr klassisches Geschäft (das Verleihen von Geld zum Zweck der Erwirtschaftung von Zinsen) entzogen und bislang auf Sicherheit bedachte Anleger wie Rentenkassen und Pensionsfonds (deren Auftrag ja darin besteht, ihnen anvertraute Gelder gewinnbringend zu verwalten) sind in das riskante Spekulationsgeschäft mit Aktien oder Anleihen gezwungen worden.

Zudem sind die Kurse weltweit durch Aktienrückkäufe von Konzernen und Aktienaufkäufe von Zentralbanken manipuliert worden – eine historisch ebenfalls einmalige Entwicklung. Um nur einige Beispiele zu nennen: Die Schweizer Zentralbank SNB hält mittlerweile Aktien und Anleihen von mehr als 2.500 US-Konzernen und steht beim Apple-Konzern mit Aktienanteilen im Wert von 2,7 Milliarden auf Platz 16 der institutionellen Anleger. Apples Management wiederum hat seine Aktienrückkäufe im Mai 2017 von 175 Milliarden auf 210 Milliarden erhöht und damit für eine weitere Verzerrung des Firmenkurses (und für eine weitere Erhöhung der an den Aktienkurs gekoppelten Manager-Boni) gesorgt.

Zusätzliche Hiobsbotschaft: Die historische Rekordverschuldung 

Die Kombination aus Geldschwemme, Niedrig- und Nullzinsen, Aktienrückkäufen durch Konzerne und Aktien- und Anleihenkäufe durch Zentralbanken zeigt: Wir haben es zurzeit mit dem am stärksten manipulierten System in der gesamten Geschichte der Finanzindustrie zu tun. Das aber ist noch nicht das Ende der Hiobsbotschaften: Wir haben es zurzeit auch mit der weltweit höchsten Verschuldung aller Zeiten zu tun.

Der globale Schuldenberg von Staaten, Konzernen und privaten Haushalten ist – nach vorsichtigen Schätzungen – inzwischen auf $ 135 Billionen gestiegen. Ein Teil dieses Geldes ist natürlich auch in das Geschäft mit Aktien gewandert. So haben die Wertpapierkredite an der Wall Street in diesem Herbst mit $ 551 Milliarden ebenfalls einen neuen Höchststand erreicht.

Das aber bedeutet: Wenn es zu einem Crash wie 1987 käme, würden Gläubiger aus Angst vor Verlusten umgehend das Geld von ihren Schuldnern einfordern, es käme zu den gefürchteten, im Englischen als „Margin Calls“ bezeichneten, Rückforderungen. Da viele Schuldner nicht in der Lage wären, ihre Schulden zu begleichen, könnte sich eine Lawine an weiteren Forderungen entwickeln und das gesamte System wie ein Kartenhaus in sich zusammenstürzen lassen.

Zwei Möglichkeiten, der Gefahr zu entgehen

Betrachtet man die Gesamtsumme der Risikofaktoren, so kann man nur zu einem Schluss kommen: Das globale Finanzsystem von heute gleicht einem Auto mit luftgekühltem Motor, dessen Fahrer zwecks Kühlung immer schneller fahren muss – mit dem vorhersehbaren Ergebnis, dass der Motor irgendwann explodieren wird.

Da diese Tatsache aber auch der Finanzindustrie nicht entgangen ist, kann man mit Sicherheit davon ausgehen, dass in den Führungsetagen der Global Players bereits seit Längerem Krisenszenarien durchgegangen und Notfallpläne entworfen werden. Was aber könnte noch getan werden, um der endgültigen Explosion des Motors zu entgehen?

Da es für die künstliche Geldschöpfung durch die Zentralbanken keine Obergrenze gibt, könnte unbegrenzt weiteres Geld ins System gepumpt werden. Das würde allerdings irgendwann in eine Hyperinflation führen. Diese aber käme den größten Gläubigern gar nicht so ungelegen, weil sie riesige Schuldenberge vernichten würde. Am schwersten betroffen wären die unteren Einkommensschichten und der Mittelstand, für die wegen des eintretenden Kaufkraftverlustes ein harter Kampf ums Überleben einsetzen würde.

Vor einer weiteren Möglichkeit, dem nächsten ganz großen Crash zu entkommen, hat der Ökonom Ernst Winkler bereits 1952 gewarnt, als er in seiner „Theorie der natürlichen Wirtschaftsordnung“ schrieb: Der Krieg ist die großzügigste „Reinigungskrise zur Beseitigung der Überinvestition“, die es gibt. Er eröffnet gewaltige Möglichkeiten neuer zusätzlicher Kapitalinvestitionen und sorgt für gründlichen Verbrauch und Verschleiß der angesammelten Waren und Kapitalien… So ist… der Krieg das beste Mittel, um die endgültige Katastrophe des ganzen kapitalistischen Wirtschaftssystems immer wieder hinauszuschieben.

Welche der beiden Varianten bevorsteht, lässt sich im Moment nicht absehen. Dass sich Regierungen und die hinter ihnen stehende Finanzelite rund um die Welt auf beide Möglichkeiten vorbereiten, lässt sich daran ablesen, dass derzeit nicht nur die Börsen boomen, sondern auch die globalen Ausgaben für den Ausbau staatlicher Sicherheits- und Militärapparate.

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Ernst Wolff ist freier Journalist und Autor der Bücher “Weltmacht IWF – Chronik eines Raubzugs“, erschienen im Tectum-Verlag, Marburg und Finanz-Tsunami.Dieser Kommentar gibt die Meinung des Autors wieder und stellt nicht zwingenderweise den Standpunkt von nex24 dar.

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